Das Altschneeproblem in den Alpen: Zusammenhang mit der Baumarten-Verteilung

Das Altschneeproblem in den Alpen: Zusammenhang mit der Baumarten-Verteilung

Die ISSW 2018 im Oktober in Innsbruck naht. Es ist der weltweit größte Kongress von Wissenschaftlern und Praktikern im Bereich von Schnee & Lawinen. Sie findet im zweijährigen Rhythmus statt, wobei der Austragungsort immer zwischen Europa, Kanada und den USA wechselt.

Für die ISSW wurden heuer wieder hunderte Abstracts (Zusammenfassungen wissenschaftlicher aber auch praktischer Natur) eingereicht. Die Konferenz versteht sich als Sammlung aller Ergebnisse und Arbeiten, die sich weltweit in den vergangenen zwei Jahren bezüglich Schnee entwickelt haben.

Auch Kristian und ich habe ein paar Ideen aus der Praxis in diesem Zuge auf Papier gebracht. Folgend geht es mehr um einen interessanten Zusammenhang der zwar aus den Alpen aus der Praxis abgeleitet wurde, Anwendung allerdings inzwischen nicht mehr hier sondern in anderen Gebieten der Erde finden kann.

Das Altschneeproblem in den Alpen: Korrelation mit der Baumarten-Verteilung

Zusammenfassung auf Deutsch

Während man in gewissen Gebieten in den Alpen fast nie Altschneeprobleme mit bodennahen Schwachschichten findet, gibt es andere wo sich diese fast immer ausbilden. Das hängt von den klimatologischen Rahmenbedingungen ab: Am stärksten von der Niederschlagsmenge im (Früh-) Winter. Denn in einer wenig mächtigen Schneedecke bilden sich während Phasen mit klarem Himmel durch die Abkühlung der Schneeoberfläche wesentlich schneller Schwachschichten aus Kantigen Kristallen oder Tiefenreif aus. Denn hier ist der Temperaturunterschied innerhalb der Schneedecke vom Boden (immer 0°C) bis zur Schneeoberfläche auf kleinem Raum am größten.

Schematische Übersicht der Gebiete mit der höchsten Wahrscheinlichkeit für einen schlechten Schneedeckenaufbau im Alpenbogen.

Früher, als es noch keine oder verhältnismäßig sehr ungenaue Lawineninformationen bzw. -lageberichte gab, war die Veränderung in der Baumartenzusammensetzung der jeweiligen Gebiete ein erster Anhaltspunkt mit welchem Schneedeckenaufbau man eher rechnen konnte. Im Speziellen handelte es sich um die Unterscheidung zwischen randalpinen Wäldern die bis zur Waldgrenze von der Buche und der Weißtanne bevölkert werden und den inneralpinen Wäldern wo es kaum bis gar keine Buchen gibt und die Waldgrenze primär von der Zirbe beherrscht wird.

In unserer Arbeit haben wir verschiedenste Baum-Verbreitungskarten über den gesamten Alpenraum studiert und haben diese mit Winterniederschlägen und – wo bereits vorhanden – Daten des „durchschnittlichen“ Schneedeckenaufbaus im Früh- und Hochwinter verglichen.

Am Beispiel der Schweiz: Versuchsflächen mit der Zirbe des Schweizer Landesforstinventarts.

Dabei hat sich die frühere Theorie bewahrheitet: Dort wo man primär Zirben im so genannten „kontinentalen Zirben-Lärchenwald“ in der subalpinen Zone findet (also an der Waldgrenze und knapp darunter) ist die Wahrscheinlichkeit für einen schlechten Schneedeckenaufbau am größten. Dort wo man kaum bis gar keine Zirben findet und der Wald bis zur Waldgrenze von Weißtannen, Buchen und teilweise auch dem Ahorn gebildet wird, gibt es fast nie bodennahe, lang bestehende Schwachschichten.

Eine Zirbe oder ein Buche allein oder auch ein paar davon sind natürlich nicht der ausschlaggebende Faktor: Aber dort, wo es fast nur mehr Zirben (und Lärchen) im oberen Waldbereich gibt, und man in den selben Regionen in den tieferen Waldbereichen fast nur Fichten, dafür aber keine Buchen und praktisch keine Weißtannen findet, konnte man die Alarmglocken bereithalten und es war früher ein Zeichen, grundsätzlich vorsichtiger in Bezug auf die Lawinengefahr als in den randalpinen Regionen zu sein.

Je dunkler, desto häufiger ein schlechter Schneedeckenaufbau (Techel & Winkler, 2015)

Man denke an Kühtai, Obergurgl, den Engadin auch an die Visper Täler oder den oberen Vinschgau: Allesamt Gebiete die von Zirben, meist vergesellschaftet mit Lärchen, im oberen Waldbereich geprägt und gleichzeitig bekannt für ihre Altschneeproblemwinter sind. Und zwar nicht weil Buchen oder Tannen nicht mehr in den durchschnittlich höher gelegenen Tälern wachsen – denn sie steigen in den randalpinen Gebieten auch auf 1800m oder sogar noch weiter hinauf – sondern weil die Zirbe bessere an das raue, kalte, niederschlagsarme Klima angepasst ist als die anderen. Daneben sterben praktisch alle Zirben früher oder später aufgrund eines Schimmelpilzes in den schneereichen Regionen. Dieser kann in den schneearmen Regionen nicht überleben. Die Buche und die Tanne hingegeben brauchen feuchtere Bedingungen für ihr Gedeihen.

Heute sind die Lawineninformationen im Alpenraum derart gut, dass man damit nicht mehr arbeiten soll – der Winter 2017/18 z.B. hat dies schön gezeigt: Altschneeprobleme aufgrund bodennaher Schwachschichten gab es fast nirgends im Alpenraum – der schneereichen ersten Winterhälfte geschuldet. Auch dort nicht, wo die Waldgrenze von Zirben gebildet wird. Der Zusammenhang der Waldtypen und des Schneedeckenaufbaus ist eben rein statistischer Natur und heute einfach nur ein nice-to-know für den Alpenraum.

Ein kleiner Teil für die Praxis für heute liegt trotzdem in solchen Zusammenhängen: In Gebirgen wo es noch keine oder nur unzureichende Lawineninformationen gibt, kann man sich ein wenig während einer Skitourenreise an der Vegetation orientiere  und unter Umständen seine Sinne für eine potentiell erhöhte Wahrscheinlichkeit von Schwachschichten in der Schneedecke schärfen: Ändern sich die Vegetationstypen? Finden wir auf einmal Pflanzen- und Baumarten, die es in einem anderen Teil des Gebirges nicht auf diese Höhe gegeben hat?

Versuchsflächen mit der Buche des LFI Schweiz.

Wir können uns dies vor allem im Kaukasus vorstellen – wo die Niederschlagssumme von Nordwest nach Südost kontinuierlich abnimmt. Durchquert man den Kaukasus in dieser Richtung, ändern sich ebenfalls die Vegetationstypen: Beispielsweise findet man die Nordmanntanne nur in den feuchten Klimagebieten im Westen der Gebirgskette. Ob es derart gute „Zeigergesellschaft“ wie Zirbe-Lärche auch dort gibt, bleibt noch ein Geheimnis.

Die Änderung im Vegetationstyp stellt ein kleines, grobes Zusatztool im Sinne einer ganzheitlichen Betrachtung der Lawinengefahr dar. Vegetationstypen-Änderungen mit potentiell abnehmendem Niederschlag gleicher Höhenlagen während einer Skitourenreise können eine erhöhte Wahrscheinlichkeit von Schwachschichten im Altschnee ins Gedächtnis rufen und damit eine (noch) genauere Evaluierung des Schneedeckenaufbaus in verschiedenen Gebieten in Betracht ziehen lassen.

Gesamte Arbeit als PDF in Englisch hier

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2 Gedanken zu “Das Altschneeproblem in den Alpen: Zusammenhang mit der Baumarten-Verteilung

  1. Chapeau Kollegen!
    Von solchen wissenschaftlichen Beiträgen zehrt die Bergsteigerei langfristig mehr als von Sensationen.
    Hierbei hat die Natur angenehme Parteienstellung und nicht der vermeintlich errungene Sieg über sie.

  2. Spannend Lukas! Zeigt wieder einmal, wie enorm nützlich es ist, am Berg die Augen für alle Arten von Beobachtungen offen zu halten. Habe vor Jahren mal Bäume an der Waldgrenze untersucht und dabei auch unheimlich viel für`s Bergsteigen mitgenommen.

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