Interview mit Rudi Mair – Grandseigneur der Tiroler Lawinenwarnung Der bekannte Lawinenprognostiker aus dem Stubaital

Interview mit Rudi Mair – Grandseigneur der Tiroler Lawinenwarnung Der bekannte Lawinenprognostiker aus dem Stubaital

Lesezeit: 19 min

Rudi Mair vom LWD Tirol startet heuer in seinen 31. Winter als Lawinenprognostiker. Der auch im weniger schneeaffinen Teil der Gesellschaft durchaus bekannte und eloquente „Lawinör“ erzählt über die Entwicklung des Tiroler Lawinenwarndienstes, die größten Innovationen der letzten dreißig Jahre und ob er im Ruhestand noch einmal zu seinem beruflichen Ursprung in der Antarktis zurückkehren würde. 

 

Mair in seinen Heimatbergen rund um die Franz-Senn Hütte im Stubaital

Rudi Mair, geb. 1961, studierte Meteorologie und Glaziologie und promovierte anschließend an der Universität Innsbruck. Nach seinen durchaus harten Sommerjobs zur Finanzierung des Studiums auf verschiedenen Hütten in den Stubaier Alpen und einem Forschungsaufenthalt auf der Georg-von-Neumayer-Station in der Antarktis verschlug es den gebürtigen Stubaier zum Lawinenwarndienst Tirol. Neben seiner Tätigkeit als Leiter des LWDs ist Rudi vor allem durch seine „unlöschbare Festplatte“ bekannt: Nicht selten plätschern der gesamte „Max & Moritz“ genauso wie unzählige altgriechische Verse fehlerfrei aus seinem Mund und fesseln die Zuhörer ob seiner unglaublichen Merkfähigkeit an ihre Plätze. Der Naturwissenschaftler führt dies – zusammen mit dem hohen Niveau seiner Sprachgewandtheit – auf seine ebenfalls breite aufgestellte, humanistische Ausbildung, unter anderem mit Latein und Altgriechisch, zurück. Ein großer Vorteil bei der Arbeit als Lawinenwarner, wenn man sich ein Sammelsurium an Daten und Informationen merken muss und diese in Zusammenhang bringt.

Legendär ist auch die Geschichte seines Schwenks vom Medizinstudium zur Glaziologie: Mair saß bei eiskalten Verhältnissen im Winter viele Stunden in einer Gletscherspalte fest. Der erste der Rettungsmannschaft – Senior-Wirt Horst Fankhauser von der Franz-Senn Hütte – der in die besagte Spalte blickte, schrie damals zu den anderen: „Hey, der lebt ja noch!“.

 

INTERVIEW

LR: Neben eurem 24/7-Job im Winter zum Erstellen des täglichen Lawinenreports, zur Aufnahme von Schneeprofilen, deren Auswertung und der stundenlangen Durchsicht und Auswertung von Daten zu Wetter und Schnee gehören die Interviews und Warnungen bei prekären Situationen in den Medien zu eurer Arbeit wie der Schnee zum Winter. Wie viele Interviews hast du gegeben seit du beim LWD Tirol bist? Kannst du das noch ungefähr abschätzen, es müssen doch tausende sein?

RM: Es waren heuer im Oktober und Anfang November sicher schon an die 50. In einem Durchschnittswinter sind es mehrere hundert Interviews. Nach so einem Lawinenunfall wie am Großvenediger Anfang Oktober mit dem ersten Lawinenopfer klingelt das Telefon fast pausenlos. Inzwischen beginne ich meinen 31. Winter in der Lawinenwarnung, es müssen wirklich schon tausende sein. Früher hab ich mir noch Zeitungsausschnitte aufbehalten, aber das hab ich schon lange aufgehört.

Ich war zuerst in diesem Job sehr zurückhaltend in Sachen Interviews. Aber ich habe gemerkt: Wenn du es nicht machst, dann reden andere über deine Arbeit. Und die Lawine ist eben in Sachen Medienpräsenz ein sehr interessantes Thema. Der weiße Tod ist ähnlich wie der weiße Hai, ein Mythos, unheimlich. Von den vielen Verkehrstoten oder Ertrinkungsopfern hört man fast nichts. Von der Hand voll tödlicher Lawinenunfälle je Saison in Tirol ist fast jeder auf einer Titelseite. Eigentlich ist die Anreise zum Berg gefährlicher als der Berg an sich.

Und ich sehe es als eine Hauptaufgabe des Lawinenwarndienstes zu warnen, wenn es nötig ist. Wir sind schließlich ein Warndienst und kein Geheimdienst und die Öffentlichkeit stellt dafür auch Steuergelder bereit.

Bei einer Unfallanalyse in den Kalkkögeln

LR: Wie kam es eigentlich zum Lawinenwarndienst in Tirol? Meist gehen der Installation von Warneinrichtungen ja große Katastrophen voran?

RM: In den 1950ern gab es mit 1951 und 1954 zwei große Lawinenwinter in Österreich mit jeweils weit über 100 Toten im Dauersiedlungsbereich.

LR: Mein Großvater hat immer erzählt, dass 1951 die ganze Sellraintalstraße zwischen Sellrain und Kühtai ein einziger Lawinenkegel war.

RM: 1951 war fast das ganze Land betroffen, 1954 hauptsächlich das Große Walsertal. Der Hauptgrund für die Gründung des LWD Tirol am 01. Dezember 1960 war jedoch die Bewerbung Tirols für die olympischen Winterspiele 1964.

LR: Wie viele Lawinenprognostiker gab es dann seit der Gründung des LWD in Tirol? Gab es dabei häufige Wechsel oder sind deine Vorgänger der Berufung auch jahrzehntelang so treu geblieben wie du es bist?

RM: Inzwischen gibt und gab es insgesamt sechs Prognostiker. 1960 bis Ende der 1970er war Otto Schimpp der einzige Lawinenwarner Tirols. Dann kam Raimund Mayr dazu, der die Leitung 1990 von Schimpp übernahm. Ich war von 1990 an im Team. Seit Oktober 1999 als Leiter des Lawinenwarndienstes. 1999 ist auch Patrick Nairz als Prognostiker dazugestoßen. Seit 2019 sind zwei junge, motivierte und ausgezeichnete Prognostiker mit an Bord: Norbert Lanzanasto und Christoph Mitterer.

Ich bin inzwischen wohl einer der längst-dienenden Lawinenwarner weltweit. Vom Gruppenbild 1993 – als wir uns bei einer europaweiten Versammlung der Lawinenwarndienste auf die einheitliche, fünfstufige Gefahrenskala einigten – bin jedenfalls nur mehr ich im Amt.

An einem Schneebrettanriss

LR: Wie habt ihr eigentlich das Arbeitspensum so lange zu zweit abgewickelt? Wenn man versteht, wie Lawinenwarnung funktioniert und welche Zusatzaufgaben wie das Verfassen der Saisonberichte oder die Wartung der Wetterstationen damit einhergehen, kann das ja kaum gut gehen?

RM: Es hat immer funktioniert. Jeden Tag um 5 Uhr morgens im Büro sein über Monate – auch an jedem Feiertag oder am Weihnachtstag mit den kleinen Kindern daheim, das war natürlich schon zehrend.

Das jetzige Viererteam für die Lawinenprognose ist jedoch gut und war wichtig: 2019/20 haben wir beispielsweise vom 16.11. bis zum 03.05. täglich den Lawinenreport erstellt. Der gesamte Lawinenwarndienst besteht inzwischen aus unserem Techniker Paul, zwei halbtägigen Sekretärinnen, pro Saison drei Praktikanten, die ein halbes oder ein ganzes Jahr mit dabei sind und immer auch zwei neunmonatigen Zivildienern und uns vier Prognostikern.

LR: Der LWD Tirol besteht also seit inzwischen 60 Jahren. Genau die Hälfte davon – seit 1990 – unter deiner Mitwirkung beziehungsweise unter deiner Leitung. Wie lief die Lawinenwarnung grundsätzlich in der Prä-Mair-Ära ab?

RM: Zu Beginn war der LLB ein Fünfzeiler der mit dem Fernschreiber vielleicht an zwölf Empfänger geschickt wurde. Die tägliche Radiodurchsage war lange das Hauptprodukt für die Öffentlichkeit und nimmt heute noch einen großen Stellenwert ein. Unsere Stimme ist dadurch auch in der Tiroler Bevölkerung übrigens weit bekannt. Vor kurzem wurde ich bei einem Einkauf in einem Supermarkt mit meiner Frau trotz Maske angesprochen: „De Stimme kenn i, des isch der Lawinen-Rudi!“

Anfangs gab es keine einzige Wetterstation, kein Messnetz. Nur eine Hand voll Beobachter und Otto Schimpp als Lawinenwarner. Inzwischen betreut der LWD Tirol über 200 Wetterstationen!

Das Lawinenbuch von Rudi Mair und Patrick Nairz wurde zigtausende Male verkauft und ist in fünf Sprachen erhältlich. Hier direkt beim Tyrolia Verlag bestellen.

LR: Welche Innovationen würdest du als die größten der letzten 30 Jahre beim LWD Tirol bezeichnen? Worauf bist du persönlich am meisten stolz?

Sehr stolz bin ich auf Patrick und mein Buch „Lawine – die entscheidenden Gefahrenmuster und Probleme erkennen“. Das Buch gibt es in fünf Sprachen und wurde wegen der hohen Verkaufszahlen mit Platin ausgezeichnet. Außerdem war es auch Teil in der Entwicklung der heute nicht mehr wegzudenkenden Lawinenprobleme.

Und dass wir als LWD Tirol einer der Haupt-Organisatoren des International Snow Science Workshop 2018 in Innsbruck mit 1000 Teilnehmern waren. Die Resonanz auf die Veranstaltung war ausgezeichnet.

Chronologisch gesehen waren für mich die großen Innovationen in der Lawinenwarnung selbst wie folgt: Zuerst der Aufbau des Messstationennetzes. Ich bekam während meiner Forschungstätigkeit in der Antarktis einen Satellitentelefonanruf aus Tirol, ob ich nicht beim LWD anfangen möchte um dort das System für die Stationen aufzubauen. Und das hab ich dann mit viel Herzblut auch verfolgt. Es gab einige Kritiker damals. Sogar die Firmen haben uns davon abgeraten weil die Stationen die rauen Verhältnisse am Berg nicht überleben würden. Aber durch meine Erfahrung in der Antarktis hab ich gewusst: Eine Wetterstation funktioniert auch bei -50°C und über 200 km/h Wind. Ich konnte beim LWD damit ein ungepflügtes Feld pflügen und bewirtschaften.

1993 die europäische Einigung auf die einheitliche Gefahrenskala war definitiv auch ein Meilenstein der viel Arbeit erfordert hat.

1994 waren wir der erste Lawinenwarndienst im Internet. Bei einer Tagung der LWDs bin ich damals auch auf Gegenwind und große Bedenken gestoßen – wir haben’s trotzdem durchgezogen. Nicht einmal das Land Tirol selbst hatte damals einen Internetauftritt.

Ebenfalls in den 90ern waren wir die ersten mit einem digitalen Schneeprofilprogramm in das man die händisch aufgeschriebenen Profile eingeben und vom Computer zeichnen lassen konnte. Wir waren auch die ersten die ein Verteilprogramm der Messdaten mit eigenem Modem für die Gemeinden und Lawinenkommissionen eingerichtet haben. Patrick ist von Gemeinde zu Gemeinde gefahren um das Ganze zu installieren. Ich habe Tage über Tage vor dem PC verbracht um entstandene IT-System zu warten und Probleme zu lösen. Aus heutiger Sicht undenkbar, so viel Zeit in so etwas zu investieren.

Als die Technik dann immer mehr wurde, haben wir davon einiges abgegeben – an unseren neu eingestellten Techniker Paul und an externe Firmen. Aber es hat sich definitiv gelohnt: Für die persönliche Weiterentwicklung wie auch für die allgemeine Entwicklung des LWDs. Danach konnten wir uns wieder mehr auf Schnee und Lawinen konzentrieren.

Dann haben uns die Lawinenunglücke von Galtür und Valzur 1999 vor allem in der Öffentlichkeit und Politik noch einmal einen positiven Schub gegeben.

In jüngster Zeit war sicher unser gemeinsamer Lawinenreport von Tirol, Südtirol und Trentino mit Start 2018 die größte Innovation. Nach wie vor der weltweit einzige grenzüberschreitende und mehrsprachige Lawinenbericht – ein neuer Benchmark sozusagen.

Stolz bin ich auch auf die ausgezeichnete Vertrauensbasis zu unserem Arbeitgeber, dem Land Tirol. Wenn wir sagen, morgen gibt es eine Gefahrenstufe 5, dann gibt es den 5er auch. Das wird von der Politik akzeptiert und es gab nicht einmal im Ansatz den Versuch einer Einflussnahme darauf. Auch wenn das im Land natürlich viel auslöst, wie große Sperrungen von ganzen Tälern und damit einhergehende Einschränken für die gesamte Wirtschaft beispielsweise. Das liegt sicher auch daran, dass wir immer versuchen, die Lawinenlage bestmöglich und objektiv zu beschreiben.

Wir sind technisch wie wissenschaftlich immer State-of-the-art und erzeugen weder ein zu großes Tamtam noch eine Verharmlosung oder verschlafen prekäre Situationen.

Rudi im Sommermodus auf einem seiner liebsten Plätze: Am Wilden Freiger mit Becherhaus und Übeltalferner im Hintergrund – der größte Gletscher der Stubaier Alpen.

LR: Die Vergangenheit und die Entwicklungen der letzten Jahre haben wir ausführlich besprochen. Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Wohin glaubst du wird sich die Lawinenwarnung mittelfristig und langfristig entwickeln? Braucht es mit der Flut an Daten und der sich rasant entwickelnden, künstlichen Intelligenz irgendwann überhaupt noch Lawinenprognostiker?

RM: Da fallen mir viele Sachen ein. Wir werden über die Fortschritte und Quantensprünge sicher noch oft staunen. In der Wissenschaft wird man die naturwissenschaftlichen Prozesse immer besser verstehen, aber auch die meteorologischen Modelle werden immer detaillierter und kleinräumiger. Das wirkt sich eins zu eins auf die Lawinenprognose aus. Auch die IT-Technik entwickelt sich weiter. Vielleicht lachen wir in fünf Jahren über unsere heutigen Systeme.

Eine 100%ige Vorhersage wird man bei Lawinen wahrscheinlich niemals erreichen, und auch eine exakte Einzelhangprognose wird es wohl so schnell nicht geben. Die Auflösung wird immer besser. Anfangs war Tirol auch eine einzige Warnregion. Mittlerweile besteht der Lawinenreport aus 29 kleinen Warnregionen die flexibel zusammengestellt werden, aber auch für sich alleine stehen können. Und für jede dieser Regionen gibt es täglich eine eigene Lawinenprognose.

Der Lawinenprognostiker wird von Maschinen so schnell nicht ersetzt werden. Die Erfahrungswerte und das Gespür eines Menschen sind überaus wichtig. Gute Prognostiker bei Lawinen und in der Meteorologie werden als Bindeglied zwischen Konsument und Maschine bleiben.

Ich sage zu den Studenten meiner Vorlesung und unseren Praktikanten auch immer: Macht’s euch Gedanken wo es noch Potential gibt und überlegt euch was wir noch verbessern könnten!

LR: Die Vorlesung zur Lawinenkunde von dir ist ja immer gut besucht…

RM: Das sind junge, gescheite, ambitionierte Leute. Die Allgemeinheit hat mir ein Studium bei der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck ermöglicht – davon möchte ich heute etwas zurückgeben. Genauso wie mit unseren zahlreichen Vorträgen.

Rudi Mair bei seinem Forschungsaufenthalt in der Antarktis.

LR: Kommen wir wieder zum Rudi. Du bist 59, der wohlverdiente Ruhestand nur mehr ein paar Jahre entfernt. Aber halt! Ruhestand? Kann das ein Rudi Mair überhaupt? Bleibst du der Lawinenwarnung nicht doch beratend und unterstützend erhalten?

RM: Ich sitz‘ sicher nicht wie die zwei Alten in der Muppet-Show und red‘ den Jungen drein. Ich möchte mich auf jeden Fall zurückziehen und nicht mehr einmischen – außer ich werde gefragt, dann bin ich gerne bereit zu helfen wo ich kann. Mit Christoph und Norbert haben wir genau die richtigen als Lawinenprognostiker der neuen Generation gefunden. Man muss den Jungen auch ihre Chance geben so wie wir unsere bekommen haben. Außerdem hab ich es anders gemacht wie meine Vorgänger und sie werden’s auch anders machen.

LR: Den Anfang deiner beruflichen Laufbahn hast du in der Antarktis mit einem 15-monatigen Aufenthalt auf der Georg-von-Neumayer-Station genommen. Gibt es Pläne für einen nochmaligen „Antarktis-Urlaub“ in der Pension?

RM: Ich werds mir hauptsächlich bei Berg- und Skitouren fein machen. Sowie Hütten wie das Becherhaus, die Hochstubaihütte oder die Franz-Senn Hütte öfter besuchen und es auch genießen, mir nicht mehr täglich Gedanken über den Lawinenreport für den nächsten Tag machen zu müssen. Aber wenn es sich mit der Antarktis nochmal ergibt: Warum nicht?

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Die Entwicklung des Tiroler Lawinenlageberichts von 1960 bis heute

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