Schwachschicht unterhalb eines Schmelzharschdeckels Frage von Thomas

Schwachschicht unterhalb eines Schmelzharschdeckels Frage von Thomas

Lesezeit: 9 min

Thomas N. hat mir folgende Frage per Email gestellt. Leider scheint seine Email-Adresse falsch im Kontaktformular hinterlegt worden zu sein. Die Antwort per Email kommt leider nicht an und ich hab keine andere Kontaktadresse von ihm. Damit die Antwort auf diese sehr interessante Frage Thomas erreicht, stelle ich sie ohne große Veränderung als Beitrag auf den Blog. Damit seine Frage geklärt wird und weil es andere Leute wahrscheinlich auch interessieren dürfte.

Fragestellung

—–Ursprüngliche Nachricht—–
Von: Thomas N
Betreff: wg. Schwachschicht unterhalb eines Schmelzharschdeckels

Nachrichtentext:
Hallo Lukas,
[…]
Ich hätte eine große Bitte an Dich, ob Du mir folgende Frage bzgl.
Schwachschicht unterhalb eines Schmelzharschdeckels beantworten könntest.

Situation:
Gesamtschneehöhe 40 bis 50 cm mit einem 9 cm dicken Schmelzharschdeckel
(bricht ein beim Begehen, typischer Bruchharsch), Südexposition.
Unterhalb des Schmelzharschdeckels befindet sich eine dünne, labile und
großflächig vorhandene Schwachschicht, aufbauende Umwandlung, kleine
Kristalle. Der Rest ist ein Mix aus Auf- und abbauender Umwandlung, Härte
Faust. Tendenz zur aufbauenden Umwandlung durch anhaltendes Strahlungswetter
(hoher Temperaturgradient).

Beim Ausstechen eines Blocks mit der Schaufel rutscht der Harschdeckel auf
der dünnen Schwachschicht bei einer Neigung von max. 30° sofort ab. Glatter
Bruch.

Ich habe irgendwann einmal gelernt, dass eine Schmelzharschschicht keine
Energie/Spannung übertragen kann und dadurch auch kein Schneebrett/Lawine
ausgelöst werden kann.Trotzdem hatte ich bei dieser Situation ein ungutes
Gefühl und war mir unsicher. Vor allem wegen der ausgepägten und sehr
labilen Schwachschicht.

Stimmt überhaupt meine o.g. Aussage, dass man eine Schmelzhaschschicht nicht
stören kann? Was bedeutet das Ergebnis des Blocktestes für mich? Ich trenne
ja den Zusammenhalt der Kruste über die gesamte Fläche. Kann ich das
Resultat in diesem Fall (Schmelzharsch) vernachlässigen?

[…]

Viele Grüße
Thomas

Antwort

Hallo Thomas,

[…]

Ein Harschdeckel kann genau so als Schneebrett fungieren wie jede andere
gebundene Schicht oberhalb einer Schwachschicht.

Nur ist es sehr, sehr selten der Fall, dass ein Harschdeckel aus sehr hartem
Schmelz- oder auch Windharsch in seinen Eigenschaften perfekt mit der
Schwachschicht zusammenspielt dass sich ein Bruch in der Schwachschicht
ausbreiten kann und eine Schneebrettlawine entsteht. Das Problem bezüglich
Bruchausbreitung ist, dass ein ganz harter Harschdeckel in der Regel vorher
selbst vertikal auseinanderbricht bevor er in einer Mini-Wellenbewegung über
die Schwachschicht fährt und in dieser somit den Bruch weiter parallel zur
Schichtung bzw. parallel zum Hang auf eine ausreichende Fläche ausbreiten
kann.
Deswegen gibt es auch die Faustregel, dass man bei einer klassischen
Frühjahrssituation mit nächtlicher Bildung eines Harschdeckels solange
sicher unterwegs ist, bis man mit Ski durchzubrechen beginnt. Fachlich
gesehen ist die Regel nicht schlecht aber nicht ganz richtig. In ganz
seltenen Fällen gibt es trotzdem Schneebrettauslösungen. Bei denen besteht
die Schwachschicht meist aus reinen Schmelzformen unterhalb des
Harschdeckels die ziemlich nass sind. Der Harschdeckel bildet dabei das
Schneebrett. Vor allem wenn der Harschdeckel bei Sonneneinstrahlung wieder
beginnt feucht zu werden, ändern er seine Eigenschaften und er kann dann
Brüche in einer Schwachschicht drunter besser zur Ausbreitung bringen. Das
heißt, er wird mit der beginnenden Durchfeuchtung etwas plastischer, er
lässt sich also leichter verformen bevor er selbst in kleine Schollen zu
zerbrechen beginnt. Das heißt, er kann die Wellenbewegung zur Ausbreitung
des Bruchs in der Schwachschicht drunter besser auf größere Flächen bilden
und damit ein Schneebrett formen. Einen solchen Unfall gab es zum Beispiel
vor ein paar Jahren am Grieskopf in der Nähe vom Arlberg: Grad noch ein
tragfähiger, aber bereits durchfeuchteter Harschdeckel war damals das
Schneebrett und drunter nasse Schmelzformen als Schwachschicht. Ich hatte
persönlich auch schon in der gleichen Konstellation eine Fernauslösung eines
Schneebretts: Grad noch tragfähiger aber durchfeuchteter Harschdeckel. Ich
hab schön meine Spur im Firn runtergezogen und daneben ist plötzlich ein
Schneebrett rausgebrochen.

Meist sind sehr dünne Krusten mit wenigen Cm Dicke innerhalb der Schneedecke
auch ausschlaggebend für die Bildung des Schneebretts. Einen solchen Unfall
gab es vor zwei Jahren am Rendl in St. Anton an einem Lawinendamm. Eine
aufbauend umgewandelte, bodennahe Schwachschicht war von relativ wenig
Schnee überlagert der meist relativ weich war und kaum geeignet für ein
Schneebrett. Direkt oberhalb der Schwachschicht bzw. unterhalb des weichen
Schnees gab es aber eine dünne Kruste die sehr wahrscheinlich für die
Ausbreitung des Bruchs in der Schwachschicht verantwortlich war. Nach dem
Bruch ist dann der weiche Schnee oberhalb der Kruste (der an sich kein
Schneebrett gebildet hätte) genau so mit abgegangen weil er ja oberhalb des
eigentlichen Brettes (= Kruste) gelegen ist.

Ein oberflächlicher Schmelzharschdeckel kann sehr wohl Spannungen aushalten
und aufbauen, so wie eben jede andere gebundene Schneeschicht. Nur bildet er
selten eine Schneebrettlawine aus. Das ist an sich falsch erklärt wie du es
gehört hast, aber der Output für normale Leute aus dieser Aussage passt
schon: Tragfähiger Schmelzharschdeckel an der Oberfläche -> Mit Lawinen
braucht man eher nicht rechnen.

Für mich persönlich ist eine oberflächliche, klassische Schmelzkruste mit
einer direkt darunter liegenden, kantigen Schicht kein allzu großer Grund
zur Sorge. Egal ob sie tragfähig oder brüchig ist. Eben da es in dieser
Kombination kaum mal Lawinenauslösungen gibt. Sollte sich aber oberhalb der
Kruste noch gebundener Schnee befinden von dem ich ausgehe, dass er auch gut
für ein Schneebrett geeignet ist, dann ist das ein großes Alarmzeichen. Ist
halt wie immer eine Wahrscheinlichkeitsrechnerei und wie man sich
entscheidet, ist dann immer jedem seine Sache.

Ergebnisse aus Stabilitätstests mit Schmelzkruste an der Oberfläche und
aufbauend umgewandelter Schicht direkt darunter sind wenig aussagekräftig da
die Fläche einer Testsäule (egal ob CT, ECT, RB oder der bayrische KB)
einfach zu klein ist. In dieser Konstellation bekommt man viel öfter einen
vollständigen Bruch (ECTP) über den gesamten (relativ kleinen) Block, obwohl
es in der Realität kaum möglich ist dass das Schneebrett und der
Bruchbereich so groß und zusammenhängend ist, dass eine Schneebrettlawine
schlussendlich abgeht. Das ist ein zum Beispiel ein großes Problem der heute
bekannten Stabilitätstests wo ihre Aussagekraft nicht mehr allzu groß ist.
Genau so wie bei einer Schwachschicht aus nassen Schmelzformen. Dort ist die
Mechanik hinter der Lawinenbildung noch nicht vollständig erforscht und mit
Stabilitätstests auch nur schlecht bis gar nicht einzuschätzen.

Ich hoffe das hilft dir etwas weiter. Es ist leider immer schwierig zu lesen
und meist auch mühsam nachvollziehbar wenn man so ein Thema abstrakt in
Worte fassen muss.
Christoph, Schneewissenschaftler und Experte für Nassschneelawinen, vom LWD
Tirol ist im CC und kann dir eventuell noch weiterführende Infos geben falls
ich etwas noch nicht geklärt/erwähnt habe.

Grüße,
Lukas

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