SchneeGestöber: Frühwinter-Einser Die frühen Starkschneefälle bringen die stabile Schneedecke | SchneeGestöber #3 19/20

SchneeGestöber: Frühwinter-Einser Die frühen Starkschneefälle bringen die stabile Schneedecke | SchneeGestöber #3 19/20

Lesezeit: 8 min

Die tollen Frühwinter-Verhältnisse südlich des Inns setzen sich fort. Mittlerweile gibt es lokal wieder 20 cm frischen Pulver drauf. Lawinenlage, Schneemenge & Schneequalität befinden sich in einem optimalen Bereich für Anfang Dezember.

Profil 1, Kraspesferner, 28.11.2019, 2910 m, N

Profil 1

In den Produkten von Lawinen.report wurde in den letzten Wochen mehrfach auf kantige Schichten in Bodennähe oberhalb von 2800 m, insbesondere auf Gletschern, hingewiesen. Diese sind aber nur schwach ausgeprägt und waren kaum für die Tourenplanung relevant. Deswegen gingen sie neben den anderen Infos im Lawinen.report fast ganz unter.

Der Schneestöberer hat sich hier einen Standort angeschaut wo diese Schichten vorhanden sind. Es handelt sich um ein nur leicht nach Norden abfallendes Gletscherbecken auf über 2900 m Seehöhe. Man erkennt dabei drei grundlegende Wetterphasen seit Anfang September.

Grün

Am 08.09. hat es erstmals mit 30 – 50 cm in den Nördlichen Stubaier Alpen geschneit. Dieser Schnee ist nur hochalpin und schattseitig liegen geblieben. Vor allem auf den Gletschern. Auch hier liegt er direkt am Gletschereis. Denn der Gletscher war bis Anfang September vollkommen ausgeapert, also frei von Schnee. Durch die nachfolgende Erwärmung, wie für den Frühherbst noch normal, wurde der Schnee nass und verkrustete anschließend zu einer massiven Schmelzkruste (Härte 5, nur mit Messer durchdringbar!). Die Schmelzklumpen sind 3 bis 5 Millimeter groß. Eigentlich ist die Schicht fast schon mehr Eis als Schnee, wenn man sie dem allgemeinen Sprachgebrauch einordnen würde.

Rot

Hier gibt es eine Abfolge aus reinen Schmelzkrusten und Schmelzkrusten die sich merklich aufbauend umgewandelt haben. Es handelt sich um mehrere kleine Schneefälle von Ende September bis Ende Oktober. Dazwischen gab es immer wieder mehr oder weniger ausgeprägte Warmwetterphasen. Die Folge: Der Neuschnee wurde immer feucht, verkrustete nachts oder bei einer Abkühlung und durch den oberflächennah starken Temperaturgradienten aufgrund der Ausstrahlung entwickelte sich der Teil unterhalb der Oberfläche der Kruste langsam zu kantigen Kristallen. Allerdings nur so schwach, dass es noch mehr Schmelzkristalle als kantige Kristalle geblieben sind und die Schichten eher noch hart (Härte 3) sind. Nur unterhalb der untersten Kruste bei etwa 15 cm konnten sich reine, kantige Kristalle bilden. Diese sind mittlerweile durch den geringen Temperaturgradienten aber auch schon wieder relativ hart und nicht mehr Kantig, sondern Kantig-abgerundet. Sie entwickeln sich also wieder hin zum Rundkorn.

Blau

Hier liegen die Schneefälle seit Ende Oktober. Das Ganze ist relativ homogen und in Summe kompakt. Man erkennt zwei härtere, windgepresste Schichten. Auch eine potentielle Schwachschicht aus kleinen, kantigen Kristallen hat sich entwickelt (zwischen etwa 110 – 120 cm). Das Ergebnis des Extended Column Test weist aber nur auf einen Teilbruch (ECTN10 in dieser Schicht) hin. Das bestätigt die Vermutung, dass die Schwachschicht einfach zu wenig stark ausgeprägt ist um Brüche zur Ausbreitung zu bringen. Für uns ist sie also irrelevant.

Fazit zu Profil 1

Viele Schichten die man interessant mit dem Wetterablauf verknüpfen kann. Aber keine Probleme für uns. Der Filz ganz oben könnte eine Schwachschicht für nachfolgend überlagernden Triebschnee abgeben. Aber das wäre dann nur ein ganz, ganz kurzfristiges Problem (wenige Stunden bis Tage) und würde in diesem 15° steilen Gelände nur zu einem Setzungsgeräusch führen wenn sich im Filz ein Bruch ausbreitet und sich ein darüber liegendes Schneebrett damit leicht absenkt. Denn zum Abgleiten des Schneebretts ist der Hang zu wenig steil.

 

Profil 2, Rietzer Grieskogel, 03.12.2019, 2585 m, SW

Profil 2

Blau

Seit den Starkschneefällen von Mitte November gab es eine Phase mit eher warmem und niederschlagsfreiem Wetter. Danach wieder 20 cm Neuschnee. In der Warmwetterphase hat sich in diesem 32° steilen Südhang an der damaligen Schneeoberfläche eine dünne und nicht tragfähige Schmelzkruste gebildet.

Rot

In den Strahlungsnächten hat sich der Schnee unterhalb der Schmelzkruste zu kleinen, kantigen Kristallen umgewandelt da der Temperaturunterschied zwischen der stark auskühlenden Schneeoberfläche (durchschnittlich 10 bis 12°C unterhalb der nächtlichen Lufttemperatur bei wolkenlosem Himmel!) und dem relativ warmem Schnee direkt unterhalb der Oberfläche sehr groß war. Damit formen die kantigen Kristalle eine Schwachschicht die aber höchst unwahrscheinlich relevant wird. Die Kristalle sind noch relativ klein (ca. 1mm) und ein geeignetes Schneebrett über ihnen fehlt. Aber auch wenn ein geeignetes Schneebrett oberhalb der Schwachschicht vorhanden wäre, würden sich Brüche wahrscheinlich nicht ausbreiten. Die kantige Schicht ist einfach zu schwach ausgeprägt. Für eine stärkere Ausprägung mit größeren und weicheren Kristallen hätte es wesentlich längeres „Strahlungswetter“ mit wolkenlosen Nächten benötigt.

Grün

Unterhalb der kantigen Schicht sehen wir einen kompakten Stock aus rundkörnigem, abbauend umgewandelten Schnee der als perfekte Unterlage dient. Dieser stammt von den Schneefällen Mitte November. Das Profil wurde nicht bis zum Boden ausgegraben und aufgenommen. Der Temperaturgradient ist zum Zeitpunkt der Aufnahme gering. Der Unterschied der Schneetemperaturen damit relativ klein, die Schneedecke baut sich also weiter abbauend um.

Fazit Profil 2

Super Unterlage. Eine Schmelzkruste unter frischem Pulver die man hin und wieder bei einem Schwung spürt. Schwachschicht eher nicht relevant für eine Lawinenauslösung. Von der Schmelzkruste ist Schmelzwasser in die unteren Schichten geronnen und ist später in vertikale Eissäulen erstarrt – siehe Foto und Anmerkung in der Textbox links oben im Profil.

Foto vom Profil 2: Gefrorener Schmelzkanal der von der Schmelzkruste beginnend nach unten zieht

Gesamtfazit

Die zwei Profile liefern einen weiteren Mosaikstein in der Beurteilung der derzeitigen Lawinenlage und legen mit tausenden von weiteren Mosaiksteinchen – die nicht nur aus Schneeprofilen bestehen – die Grundlage für die derzeitige Lawinenbeurteilung. In den Nördlichen Stubaiern: Eine Gefahrenstufe 1 – geringe Lawinengefahr (allerdings durch ein geringes Gleit- und Triebschneeproblem der obere Bereich der Gefahrenstufe 1) bei viel Schnee für die Jahreszeit, Pulver und Sonnenschein.

Merke: Mächtige Schneedecke – Schwachschichten meist oberflächennah und kurzfristig relevant. Dünne Schneedecke –Schwachschichten meist langfristig relevant und mehr bodennah.

Genießt die tollen Frühwinterverhältnisse südlich des Inn
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