Die erste Skitour 19/20 | „Angewandte Schneekunde #1: Wissen ist Macht“ 10.09.2019 | Kühtai Hochalter

Die erste Skitour 19/20 | „Angewandte Schneekunde #1: Wissen ist Macht“ 10.09.2019 | Kühtai Hochalter

Lesezeit: 9 Minute(n)

Jeder kennt sie. Die Standardsprüche von Eltern. Der meistverwendete „Pass auf!“ erreicht seinen Höhepunkt im Alter von etwa 7 Jahren mit 50 bis 120 mal am Tag. Daraufhin stagniert die Häufigkeit auf einem hohen Niveau bevor sie in der Pubertät langsam gegen Null absackt – diesen Wert aber wohl niemals erreichen wird.

Neben den „universellen“ Standardphrasen wie

„Pass auf!“, „Wohin gehst du?“ oder „Wo warst du?“

denen – typisch für Phrasen oder Floskeln – kaum eine sinnvolle Bedeutung innewohnt, gibt es „individuelle“ Standardsprüche. Diesen wohnt oft – auch wenn sie auf den ersten Moment und aufgrund der häufigen Wiederholung ebenfalls nichtssagend klingen – ziemlich viel Sinn bei.

 

„Wissen ist Macht“

… war einer davon aus meiner Kindheit. Mir und meinem Bruder tausendfach vorgebetet bis man ihn gar nicht mehr hören konnte. Denn er war unbrauchbar für uns. Damals zumindest. Denn Macht ist für ein Kind das was unter anderem Herrscher, Politiker oder Präsidenten auszeichnet. So mächtig will man als Kind ohnehin nicht sein. Erst einige Jahre später erschließt sich einem der wahre Hintergrund. Denn Macht ist viel zu vielschichtig um sie in einem Satz beschreiben zu können.

Wissen alleine generiert noch kaum eine Macht. Klar, reines Faktenwissen ist auch toll und hin und wieder auch nützlich – bei der Millionenshow zum Beispiel (Deutschland: Wer wird Millionär?). Auch, wenn das heute immer mehr Menschen mit ihrer immer noch höherer Tertiärbildung auszeichnet. Aber im Alltag ist das Ganze kaum brauchbar. Wissen ohne Vernetzung und relevanten Praxisbezug ist wie Winter, Streichhölzer und Holz ohne die Fähigkeit damit ein Feuer zu machen. Wer kann denn heute noch von jungen Menschen ein einfaches Feuer in einem Kachelofen machen? Obwohl immer mehr wissen, wie heiß eine Flamme wird, aus welchen organischen Verbindungen Holz besteht und dass der Kohlenstoff mit dem Sauerstoff aus der Luft zu Kohlendioxid verbrennt und dabei X kJ pro Mol Energie frei werden? Das Streichholz anzuzünden und ans Holzscheit zu halten, ist eben zu wenig – da fängt nichts zu brennen an.

Diese Macht, theoretisch fit zu sein und das Wissen auch noch für sich effektiv anwenden zu können, ist ein Geschenk. Denn kaum jemand wächst heute in einer Symbiose aus Praxis und Theorie auf. Früher lag der Fokus viel zu stark in der Praxis und die theoretischen Hintergründe haben gefehlt um etwas weiter zu verbessern. Heute liegt das Problem auf der anderen Seite wie alltägliche Erfahrungen tausendfach zeigen.

Zur Skitour in Kühtai am 10.09.2019

Wissen

Auf einem grasigen Untergrund komplett ohne Steine braucht man nur wenige Zentimeter an Schnee um dort eine Skitour unternehmen zu können. Das Gras schädigt den Skibelag praktisch gar nicht. Auf einer „klassischen“ Piste die im Sommer begrünt ist, braucht man etwa 30 cm Neuschnee am Startpunkt (die zum Gipfelbereich auf etwa 60 cm anwachsen) um mit einem Steinski halbwegs sinnvoll eine Skitour zu unternehmen. Denn das Gelände ist zwar „begrünt“ aber nicht steinfrei. Zumindest kleine Steine liegen auf den meisten Pisten dennoch massenweise herum.

Wenn aus Wissen Macht wird

Am 08.09.2019 sitze ich wie viele anderen zu Hause und hoffe auf möglichst viel Neuschnee um ein oder zwei Tage später in der Axamer Lizum oder in Kühtai eine Skitour zu machen. Leider schneit ein bisschen zu wenig. In Kühtai liegen am Ausgangspunkt am Abend des 08.09. etwa 20 cm lockerer, schwach feuchter Neuschnee. Es macht nicht wirklich Sinn am Morgen des 09.09. auszurücken. Es würde jedem Schwung und auch dazwischen in den Schussfahrten wohl immer Krachen. Denn der Schnee ist locker und weich, so dass man „im Schnee, am Boden fährt“. Das Problem wäre ab etwa 30 cm Neuschnee nur mehr ein kleines, da man dann nicht mehr durch den feuchten Pulverschnee durchsackt. 20 cm sind aber zu wenig um das Durchsacken bis zum Boden zu verhindern. Ich habe meine Skitour eigentlich schon abgeschrieben und spiele mit dem Gedanken in ein paar Tagen in ein Gletscherskigebiet auszuweichen.

Doch der 09.09. ändert alles. Der Tag ist immer noch erstaunlich kühl und großteils bewölkt. Lediglich am Nachmittag kommt für wenige Stunden ein bisschen Sonne durch die Wolken. Der Neuschnee kann sich also setzen ohne gleich gänzlich abzuschmelzen. Normalerweise ist der meiste Schnee am ersten Abend nach dem Schneefall schon wieder abgeschmolzen, zumindest nach einem warmen & sonnigen Tag.

Nach Sonnenuntergang klart es auf. Perfekt! Zwar sind von den 20 cm im Tal und etwa 40 cm bei den Kühtaier Bergstationen nicht mal mehr die Hälfte an Schneehöhe übrig, dafür wird dieser am nächsten Morgen perfekt sein um eine Herbst-Steinskitour zu unternehmen. Denn am feuchten Schnee wird sich ein dünner, brüchiger Harschdeckel bilden. Dieser trägt teilweise mit Ski, und der Schnee unter dem Deckel ist bereits viel dichter als einen Tag zuvor. Obwohl teilweise nicht einmal mehr 8 cm Schnee liegen, sollte man trotzdem nicht mehr Durchsacken. Das Zeitfenster am Morgen des 10.09. wird relativ kurz sein. Von den ersten Sonnenstrahlen die die Schneeoberfläche treffen bis zum Aufweichen der Kruste vielleicht 2 Stunden lang.

Ich starte am Morgen des 10.09. mit Ski zwischen den grasenden Pferden zur Hochalter Bergstation. Es liegt wirklich nur mehr wenig Schnee. Ich komme mir verrückt vor, bei so wenig Schneehöhe war ich noch nie auf Skitour. Dafür bleiben die Ski auf der brüchigen Kruste drauf, man sackt nicht durch. Die erste Abfahrt ist für Steinski optimal. Natürlich hab ich ein paar Steine erwischt, aber nichts dramatisches und nur alle zig Schwünge einmal. Bei der zweiten Abfahrt eine Stunde später hat die Sonne bereits den Deckel aufgeweicht. Die paar Zentimeter Schnee im feuchten, weichen Zustand waren schließlich zu wenig um auf den steinigen Kühtaier Pisten abzufahren. Ich trage die Ski in der unteren Hälfte wieder hinunter. Jedoch mit einem breiten Grinser: „Genau so, wie ich es mir gedacht hatte :)“

Ein gutes Beispiel wie aus Wissen Macht wird. In diesem Fall die Macht, den perfekten Zeitpunkt für ein paar Schwünge zu eruieren. Es gab eine Tourengeher Spur vom Abend des 08.09. – als die Schneehöhe kurz nach Ende des Schneefalls auf ihrem Maximum war aber gleichzeitig qualitativ für eine Skitour bei einem solchen Ereignis auf ihrem Minimum (also noch pulvrig und locker). Auf der Spur hat man bei praktisch jedem Schwung gesehen wie der Kollege bis auf den Boden und die Steine durchgekommen ist.

Es war der kürzeste Abstand von Skitouren (ohne Gletscher!)  im Sellrain seit ich unterwegs bin. Letzte Tour am 01.07.2019 auf den Zwieselbacher , „erste“ am 10.09.2019 auf den Hochalter. Ein Hoch auf den Klimawandel mit der Zunahme der Extremereignisse?

Prototypen können erst zu anständigen Serienprodukten werden, wenn sie auf mindestens (!) 150.00 Höhenmetern pro Paar (egal ob Schuhe, Ski oder Bindungen) getestet werden. Das Problem heutzutage: Das macht fast kein Hersteller mehr weil der Zeitdruck riesig ist. Es kommen leider auch dauernd Sachen auf den Markt die entweder nur beim „Skispazierengehen“, also auf normalen Touren ohne hochalpines, steiniges Gelände, oder gar nur auf der Piste, getestet wurden und nie einen Berg höher als 3000 Meter gesehen haben. Was folgt dann immer? Rückrufaktionen oder herbe Enttäuschung. Weil der wichtigste Testablauf – das Prüfen bei widrigsten Bedingungen zu allen Jahreszeiten bei allen Schneelagen – bei anspruchsvollen Touren dann dem Konsumenten überlassen wird der die brandneuen Dinge kauft. Es gibt auch Hersteller die sich gar nicht bewusst sind, was Leute mit ihren Produkten anstellen. Nicht nur, dass es einigen unwissenden Menschen die einfach gerne auf den Berg gehen und sich nicht mit Ausrüstung beschäftigen wollen, einfach schwer fällt, die Sachen richtig zu bedienen – sondern auch welche Beanspruchung die Dinge in extremem Gelände bei widrigsten Verhältnissen erfahren. Und das nicht nur 10, 20 oder 50 mal pro Saison oder Jahr sondern an über 200 Tagen im Jahr.
Ich bin teilweise bekannt als der „Destructor“ bei den Entwicklungsteams. Sie sind zwar technologisch top drauf und selbst meist auch mehr oder weniger aktive Wintersportler, aber was wir in den Bergen so machen, ist für sie oft ziemlich abstrakt. Dabei geht es teils weit über ihre Vorstellung hinaus wie hart Material von einem 70 kg Menschen beansprucht werden kann.

Die brüchige Kruste trägt am Morgen!
Und die Kruste lässt akzeptable Schwünge zu ohne dauernd auf den Untergrund durchzusacken. Rechts die Spur stammt von meinem Vorgänger der hier zwei Tage vorher abgefahren ist, aufgrund der Schneequalität aber „im Schnee, am Boden“. Ich bin am Schnee gefahren, nicht am Boden. Obwohl bei ihm geschätzt 30 cm Schneehöhe lag, bei mir nicht einmal mehr 10 cm.
Das Problem bei Schneefällen für das Weidevieh ist nicht die Kälte oder das mögliche Hungern. Es ist das Abstürzen. Pferde graben meist sofort nach dem Gras unter der Schneedecke so wie z.B. auch Gämsen und suchen sich damit ihr Futter unter dem Schnee selbst. Kühe fangen zuerst an schneefreie Flächen zu suchen und gehen damit auf Wanderschaft bei einer Schneedecke. Sehr oft kommen sie dabei in steileres Gelände das beim rutschigen Schnee dann zu Abstürzen führt. Deswegen kann man die Tiere dann nicht mehr draußen lassen. Die Kälte, der Wind und das Wetter tut ihnen gar nichts – nach einem Almsommer ist des Fell besonders dick.

 

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