Ausschlaggebende Jahreszeit für die Dauer der Skitourensaison und den Gletscherrückgang – Fallstudie Sölden-Rettenbachferner

Ausschlaggebende Jahreszeit für die Dauer der Skitourensaison und den Gletscherrückgang – Fallstudie Sölden-Rettenbachferner

Die Dauer der Skitourensaison ist hauptsächlich vom Wetterverlauf & Temperaturniveau im Frühjahr und Frühsommer abhängig, kaum von der Hochwinter-Schneemenge. Es verhält sich demnach gleich wie bei der Gletscherschmelze in unseren Breiten. Der Winter 2017/18 hat dies sehr eindrucksvoll gezeigt. Dazu ein paar Vergleichsbilder der Webcam am Rettenbachferner im Sölder Gletscherskigebiet von 2013 – 2018.

Wahrscheinlich kann sich jeder erinnern, als es im Jänner und Feber 2018 aus allen Ecken zum Wintersportler rumorte, man könne in diesem Winter bis weit in den Juli auf Skitour gehen. Kopfschüttelnd konnte man nur immer wieder betonen: „Schaug ma amol… – des entscheidet sich erst im Langes, die Ausgangsbedingungen sein nit so schlecht derweil.“ Dabei hat man insgeheim auf einen schneereichen, kühlen Winterausklang, der die Schneedecke nur langsam zurückgehen lässt, wie 2013 und 2016 gehofft. Eingetreten ist das Gegenteil: Im Feber und März hat es nur mehr wenig geschneit, seit Anfang April herrscht Sommerwetter im Alpenraum.

Bezüglich „Skitouren ohne Tragestrecken“ hängt das Ganze am Rettenbachferner natürlich vom hoch gelegenen Parkplatz (2680m), vom Kunstschnee und von den Schneestreifen ab, die die Bergbahnen jährlich für die herbstliche Saisoneröffnung im untersten Teil des Gletschers zusammenschieben. Trotzdem zeigt die Webcam am Ötztaler Gletscherskigebiet gut die hypothetische zeitliche Grenze der Skitourensaison und wie es um die Gletscher in den einzelnen Jahren steht.

2013

2013 war das beste Jahr für Skitouren im Sommer seit langem. Der Mai recht trüb mit regelmäßigen Schneefällen, Anfang Juni gab es gewaltige Neuschneefälle in der Höhe und Ende Juni nochmal ein paar Flocken drauf. Ich habe damals die Abschlusstour im Sellrain am 13.07. gemacht. Am Rettenbachferner lag eine durchgehende Schneebedeckung bis zum Parkplatz über den ganzen Sommer am Gletscher bevor es am 20. August wieder zugeschneit hat. Damit konnte man ganzjährig vom Auto ohne Unterbrechungen eine Skitour unternehmen. Zumindest wem der Skibelag am dreckigen Schnee egal ist und wer gern über buckligen, bremsenden Sommerschnee fährt.

13.06.2013 – Nach den starken Neuschneefällen dieses Frühjahrs hat sich der Rettenbachferner so präsentiert. Im Sellrain war der Zeitraum Mitte Juni 2013 geprägt von der mächtigsten Schneedecke in hochalpinen Bereichen seitdem ich unterwegs bin.
19.08.2013 – Ein Tag vor dem ersten Schneefall des Spätsommers/Frühherbstes der liegen bleiben wird. Man konnte sich noch auf Schneestreifen zwischen dem Eis ganz knapp hinaufschummeln im unteren Teil während im oberen Teil des Gletschers noch genug Schnee lag.

2014

2014 gab es in Nordtirol einen schneearmen, ganz im Norden extrem schneearmen, Winter – während Ost- und Südtirol gewaltige Schneemengen verzeichneten. Das Frühjahr war in Summe jedoch eher kühl, der Sommer verregnet – vor allem gab es oben regelmäßig Neuschnee bis in den Juli. Die Saisonabschlusstour habe ich am 01. Juli im Stubai gemacht. Der erste Schneefall im Spätsommer, der liegen bleiben sollte, fand am 14. August statt. Am Rettenbachferner konnte man wieder auf dem letzten Schneestreifen aus Altschnee bis Mitte August aufsteigen und abfahren – also wiederum ganzjährig mit Tourenski unterwegs sein.

13.08.2014 – Der Schneestreifen durch den Kunstschnee und die Pistenraupenarbeit hält sich noch bis zum untersten Teil des Rettenbachferners. Einen Tag später schneit es zu.

2015

Nach einem ebenfalls schneearmen Winter folgt ein hitziger Sommer mit viel stabilem Hochdruckwetter. Auf dem Gletscher liegt allerdings noch die Firnunterlage aus 2013 und 2014 sogar bis in tiefere Bereiche. Der letzte Tag an dem man von unten ohne Schneeunterbrechungen unterwegs sein konnte, ist in etwa der 25. Juli.

25.07.2015 – Die Stelle beim Pfeil ist wenige Tage später unterbrochen
Im Sommer 2015 konnte man schön die Firnrücklagen der vergangenen drei Winter erkennen. Rot = W12/13, grün = W13/14, blau = W14/15. Diese Rücklagen sollten dauerhaft auf ganz grob der Hälfte des Gletschers liegen bleiben, damit der Gletscher nicht kleiner wird. Dies ist bei uns seit vielen Jahren weit und breit nicht mehr der Fall. Einzelne gute Jahre wie 2013 und 2014 bringen dauerhaft nur einen langsameren Rückgang mit sich wenn darauf wieder schlechte Jahre folgen: Diese Firnreserven sind bis fast ganz oben in den darauffolgenden Sommern wieder abgeschmolzen. Damit der Gletscher aber nicht nur langsamer wegschmilzt, sondern sich wieder frisches Eis neu bilden kann, müssten solche Rücklagen über weite Teile der Gletscherfläche jahrzehntelang liegen bleiben.

 

18.09.2015 – Kurz vor dem ersten Schneefall. An Skitouren am Rettenbachferner ist fast 2 Monate im Jahr 2015 nicht zu denken…

2016

Nach einem schneearmen, Altschneeproblem-geplagten Früh- und Hochwinter folgt ein sensationelles Skitouren-Frühjahr: Regelmäßiger Neuschnee wird von kurzen Schönwetterphasen unterbrochen. Der Mai 2016 war beste Zeitraum für Steilwandabfahrten in meiner bisherigen Bergerfahrung. Trotz des schwachen Winters konnte sich so die Schneedecke nach „Skitouren-Kriterien“ in etwa bis zum 25.08. halten! Sozusagen die gegenteilige Situation zu 2018 (schneearmer Winter + lange Saison vs. schneereicher Winter + extrem kurze Saison).

23.08.2016 – Grad noch durchgehende Schneebedeckung.
16.09.2016 – Ein Tag vor dem endgültigen Einschneien. Man konnte im Jahr 2016 somit drei Wochen nicht mit Tourenski am Rettenbachferner ohne Unterbrechungen unterwegs sein. Denn erst am 17.09. wurde der Gletscher mit dem ersten, bleibenden Schnee bedeckt.

2017

Wiederum ein schneearmer, Altschneeproblem-geplagter Winter. Dieses hingegen für die Saisondauer und Gletscherschmelze kein tolles Frühjahr. Am 23.07. ist Schluss mit der durchgehenden Schneebedeckung am Rettenbachferner.

23.07.2017 – Wenn man genau hinschaut, sieht man die grad noch druchgängigen Schneestreifen.
31.08.2017 – Einen Tag vor dem ersten Schneefall präsentiert sich der Rettenbachferner so! Dauer der nicht-Skitourenzeit 2017 = ca. 5 Wochen.

2018

Nach einer schneereichen ersten Winterhälfte folgt eine schneearme zweite und schickt die Schneedecke leicht überdurchschnittlich in das Frühjahr. Ab Anfang April hält der Sommer Einzug, ein kleiner Dämpfer mit Neuschnee Mitte Mai ändert wenig an einer durchwegs extrem raschen Abnahme der Schneedecke. Der letzte Tag, an dem man am Rettenbachferner durchgehend mit Ski unterwegs sein hätte können, war der 25.07. und ist damit das zweit-früheste Tag seit Bestehen der Webcam 2013. Das Potential für einen ähnlich katastrophalen Gletschersommer wie 2017 ist wieder praktisch gleich groß…

Damit beweist der abgelaufene Winter wie kein anderer: Ausschlaggebend für Skitourensaison und die Gletscherschmelze sind bei uns Frühjahr & Sommer, nicht der Winter.

27.07.2018 – Die Schneedecke ist bereits unterbrochen.

Auswertung

Ein gutes Gletscher- und Skitourenjahr würde so vor den ersten bleibenden Schneefällen enden:

19.08.2013 – Linker Fernerkogel mit Hangendem Ferner

Ein schlechtes Jahr endet so bevor der Gletscher in seinen Winterschlaf geschickt wird:

31.08.2017 – Linker Fernerkogel mit Hangendem Ferner. Ein solches Jahr frisst praktisch alle Firnreserven einiger Jahre auf, die sonst irgendwann zu Eis geworden wären….

Es braucht aber viele, viele „gute“ Jahre hintereinander um einem Gletscher vor dem Schrumpfen zu bewahren.

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2 Gedanken zu “Ausschlaggebende Jahreszeit für die Dauer der Skitourensaison und den Gletscherrückgang – Fallstudie Sölden-Rettenbachferner

  1. Hallo Lukas,

    immer wieder interessante Vergleiche die Du machst. Meinen Respekt für die Recherchen!
    Das zweite Bild von unten hat allerdings ein falsches Datum: 19.08.2018 – der war noch gar nicht ;-)!

    Grüße aus OBB,
    Hans

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