9.3.2017, Aktuelle Lage + Sellrainer Katastrophenwinter

Es liegt endlich soviel Schnee, dass man anständig auf Skitour gehen kann (+/- Einmeter-Regel). In Verbindung mit prognostiziertem Schönwetter am Wochenende erreicht die Lawinenauslösewahrscheinlichkeit den ersten, saisonalen Höhepunkt (rechnet man neben dem Schneedeckenaufbau und der Neuschnee- und Windtätigkeit, die von Wintersportlern zur freien Verfügung stehende Zeit, die Frequenz von Sportlern aufgrund des jahreszeitlichen Höhepunktes der Tourensaison und die derzeit vorhandene Pulvergeilheit mit ein). Ich schreibe diese Zeilen kurz nach meiner Rückkehr eines risikoreichen Bergrettungseinsatzes – bezüglich Lawinen wohlgemerkt. Am kommenden Wochenende wird es einfach brandheiß…

Wir haben am Mittwoch vor Starkschneefällen und Sturm, 8.3., bereits im Finstertal umgedreht:

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von vorne
von hinten
von hinten
von oben
von oben
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von unten
"hechel, hechel."
„wühl, wühl.“
"uhhhhh, tief."
„uhhhhh, tief.“
"haha!"
„Luftschnapp!“
"fast geschafft :-)"
„fast geschafft :-)“

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Triebschneeproblem + Altschneeproblem
Triebschneeproblem + Altschneeproblem

Der Hauptgrund: Eine feuchte Nordwestströmung mit Abfolge von Fronten (auf kalte Luft stößt warme, dann folgt wieder ein Schwall kalter Luft, dann vielleicht wieder warme, …):

Der Beginn der niederschlagsträchtigen Warmfront
Der Beginn der niederschlagsträchtigen Warmfront
Ein Lehrbuch-Warmfrontaufzug hat immer was besonderes an sich
Ein Lehrbuch-Warmfrontaufzug hat immer was besonderes an sich

Alle Lawinenwinter des letzten Jahrhunderts in den nördlichen Ostalpen sind auf ähnliche Konstellationen zurückzuführen: Ungünstiger Aufbau der Altschneedecke mit anhaltenden Starkschneefällen aufgrund einer stürmischen Nordwestlage mit eingelagerten Fronten. Wie 1951, 1954 und 1999. Solche Wetterlagen gibt es im Winter regelmäßig, sie bringen die Hauptschneemengen für die Nordalpen, halten aber selten tage- oder gar wochenlang an. Der Wetterverlauf zu Galtür. Durch das Hochdruckwetter nach der Katastrophe ist die Lawinengefahr innerhalb von wenigen Tagen von Stufe 5 auf eine Gefahrenstufe Mäßig (2) gesunken – was zu großem Unverständnis in der Bevölkerung geführt hat. Starkschneefälle („mechanische Umwandlung“ durch Druck) mit warmen Temperaturen und Schönwetter (geförderte abbauende Umwandlung) tragen innerhalb von wenigen Tagen IMMER zu einer starken Setzung und Verfestigung bei. Ein altes – sicher nicht immer gültiges – Sprichwort aus den Anfängen der angewandten Lawinenkunde lautet: Solange die Bäume mit Schnee beladen sind, sei defensiv oder bleib daheim. Hier versteckt sich eine wichtige Botschaft: Die Auswirkung von Neuschnee auf die Lawinengefahr – egal ob mit Wind oder ohne: immer erhöht!

Um zu verstehen, warum die Lawinengefahr nur ganz schwach mit der Schneemenge korreliert, sollte man immer wieder mal einen Blick in die Schneedecke werfen und sich des Unterschiedes einer gut verfestigten Schneedecke (egal welcher Mächtigkeit) und einer inhomogenen Schneedecke bewusst werden. Die Lawinengefahr hängt stark vom Neuschnee ab, jedoch kaum von der Mächtigkeit der Altschneedecke. Nur die Lawinengröße und vor allem die Möglichkeit zu riesigen Tallawinen hängt von der bereits vorhandenen Altschneemenge ab.

Im Nachhinein profitieren wir heute von solchen Ereignissen: Die Notwendigkeit und die Weiterentwicklung von Verbauungsmaßnahmen wurden erkannt und vor allem die Lawinenwarndienste wurden in den 1950ern gegründet (Tirol: 1960).

Der Auslöser für den massenhaften Abgang von Tallawinen nach den anhaltenden Schneefällen ist relativ häufig auch Regen: Wie bei der Zerstörung des St. Sigmunder Ortsteiles Peida am 23.2.1970

Der verheerendste Winter im Sellrain war 1951: Der damalige Alpengasthof Praxmar wurde dabei von einer Lawine vom Zischgeles kommend in den Talboden mitgenommen, neben der Verschüttung der Straße auf mehrere Kilometer im gesamten Tal.


eine  Ergänzung zum letzten Schneegestöber bezüglich Saharastaub:

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Foto vom 4.3. mittags: von St. Sigmund nach Südosten: am Himmel in Bildmitte erkennt man einen Schwall Saharastaub anhand der Färbung und der Wolkenbildung.
das wär genau der eingezeichnete Batzen in der vorher sehr genau modellierten Karte
genau dieser eingezeichnete Batzen in der vorher modellierten Karte
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3 Gedanken zu “9.3.2017, Aktuelle Lage + Sellrainer Katastrophenwinter

  1. Servus Lukas,
    merci für deine detaillierten Berichte und die genialen Fotos, TOP und großen Respekt für dein Engagement.
    Ich hoffe du betreibst deinen Blog noch eine Lange Zeit mit dieser Ausführlichkeit, find i sau guat.

  2. Super interessant! Danke dafür!

    Für Leute ohne Ortskenntnissen wären Karten mit eindeutiger Kennzeichnungen vom Sellrein schon hilfreich. (Ich weiss – Du stehst nicht so drauf….)
    Es geht dabei nicht um die „Geheimen Ecken“ sondern vielmehr dass der Leser sich vorstellen kann, was da eigentlich abgeht – und dann vielleicht auch Gedanken machen kann über Ähnlichkeiten mit seiner eigenen Bergen….

    Du hast nämlich ein paar Fans in den USA mittlerweile. (Ich nicht. Ich gehe niemals hier weg! :-) )

    Danke für die Arbeit!

    • Stimmt, danke :-)

      Bilde mir zwar ein, dass hier nicht viele mitlesen, die das Gebiet nicht persönlich kennen – aber werde immer öfter des Gegenteils belehrt :-)

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