„Verewigungen“ der ersten Bergsteiger in schwarzer Leinölfarbe in Tirol und im Sellrain | #DahoamimSellroan Inschriften auf Felsen und Steinen

„Verewigungen“ der ersten Bergsteiger in schwarzer Leinölfarbe in Tirol und im Sellrain | #DahoamimSellroan Inschriften auf Felsen und Steinen

Lesezeit: 9 min

Im Sellrain und rund um Kühtai trifft man immer wieder auf Steinen auf aufgemalte Nachnamen in schwarzer Farbe – teilweise sehr gut erhalten, teilweise kaum noch lesbar. Sie stellen ein besonderes Andenken an die ersten, großen Bergsteiger unserer Region dar.

Die ersten Aufschriften die mir 2013 aufgefallen sind: Am Lüsener Fernerkogel wenige Meter südlich des Kreuzes.

Eigenartige Schriftzüge in den Sellrainer Bergen entdeckt

Erstmals sind mir die „Farbkleckse“ am Lüsener Fernerkogel im Jahr 2013 aufgefallen. Mit ein wenig Verwunderung dachte ich lange, dass diese eher jüngeren Ursprungs sind. Weiter ging es mit Beobachtungen auf der Schlicker Seespitze, dem Horntaler Joch und der Lüsener Villerspitze.

Neugier + Recherche + Hirnschmalz = Erkenntnis

Als ich dann am Nordgrat des Lüsener Fernerkogels die Inschriften der Erstbegeher des Nordgrates klar lesbar erspähte, war für mich klar: Die Namen wurden vor mehr als 100 Jahren auf den Bergen des Sellraintales hinterlassen. Und zwar meist von Julius Pock oder Otto Melzer und ihren Gefährten – der Bergsteigerelite ihrer Zeit. Mit dieser Erkenntnis konnte ich dann viele der teils nur mehr schwer lesbaren Namen ebenfalls entziffern: Neben Pock und Melzer sind meist Karl Wechner, Bernhard Tützscher und ein gewisser Seidler vertreten. Diese Namen liest man in in den Alpenvereinsführern ebenfalls als Erstbesteiger einiger unserer 3000er in der Region. Nach Wechner wurde beispielsweise die Wechnerkögel und die Wechnerwand in Kühtai benannt.

Die meisten der Schriftzüge aus vornehmlich schwarzer Leinölfarbe dürften zwischen etwa 1880 und 1910 aufgemalen worden sein.

Julius Pock – der „König“ der Inschriftenschreiber

Am häufigsten findet man aber nach wie vor den Namen von Julius Pock. Immer im selben Schriftstil und in der selben, schwarzen Farbe direkt am Steig oder am Gipfel.  Julius Pock widmete einen guten Teil seines Lebens der Bevölkerung und den Bergen des Sellraintales und des Sarntales. Hier ein Ausschnitt seines Lebenswerks aus dem Alpinwiki (sehr empfehlenswerte Seite):

Pock war Vorstandsmitglied der Sektion Innsbruck des D.u.OeAV und Gründungsmitglied der Alpinen Gesellschaft Wilde Bande, dort führte er den Vereinsnamen „Spitz“, wurde aber immer liebevoll „Häuptling“ genannt. Bereits im Jahre 1891 machte er den Vorschlag zum Bau der Bettelwurfhütte am jetzigen Standort, brachte einen entsprechenden Antrag ein und war federführend beim Bau der Hütte.

Pocks Arbeitsgebiet lag in erster Linie in der Umgebung von Innsbruck und dabei besonders im Karwendelgebirge und in den Stubaier Alpen. Die Entstehung zahlreicher Bergwege und Gipfelzustiege verdanken wir Julius Pock und seinen Gefährten.“ Infolge seiner schwerpunktmäßigen Tätigkeit in den Sellrainer Bergen wurde Pock auch der „Vater des Sellraintales“ genannt. Für die damals sehr arme Bevölkerung des Sellraintales setzte er sich besonders ein. So brachte er finanzielle Mittel, die aus Sammlungen und Spenden des Alpenvereins stammten, eigenhändig zu den Leuten.

Seinem Andenken gerecht werdend, trägt ein Gipfel in den Sellrainer Bergen den Namen Pockkogel und der Anstieg vom Frau-Hitt-Sattel zum Brandjoch heißt Julius-Pock-Weg.

Fotosammlung der Schriftzüge

Sellrainer Berge

Lüsener Fernerkogel

Nördlich des Kreuzes: K Wechner
Westlich des Kreuzes: Steinbacher
Am Nordgrat: Steinbacher, Pock, Tollinger, Seifert. Aufgemalen am 12.08.1888 bei ihrem Abstieg über den Nordgrat. Nach Pock ist übrigens der Pockkogel in Kühtai benannt.

 

Lüsener Villerspitze

Die Platte liegt neben dem Gipfelkreuz. Wechner, Jahreszahl 1879, Tützscher, Seidler. Aufgemalen bei ihrer Erstbesteigung 1879.
„Wechner“ wurde auch leicht graviert.
Westlich des Kreuzes auf der Lüsener Villerspitze hat sich ebenfalls Pock auf den Stein gemalen.

 

Hohe Villerspitze

Nordöstlich des Kreuzes: Otto Melzer war hier bei der Überschreitung zur Lüsener Villerspitze über die Villerköpfe am 22.07.1894

 

Kühtai – Längental

Hinterlassen von Julius Pock im Bereich des Staudamms des neuen Speichers „Kühtai“. Wahrscheinlich 1878 bei der Besteigung des Sulzkogels über die Südwestflanke aufgetragen.
Detail

Ende Juni 2021 musste der große Gesteinsblock im Zuge der Bauarbeiten für den neuen Speichersee im Längental entfernt werden. Die Mitarbeiter der TIWAG und der Baufirmen vor Ort zögerten auf meine Anfrage jedoch nicht die Inschrift herauszuarbeiten, um sie für die Zukunft erhalten.

Nun steht der Stein am Eingang des Längentals und kann mit Abschluss der Bauarbeiten weiterhin besichtigt werden. Ein großes Danke an alle Beteiligten für die Mühen für dieses kleine Stück Alpingeschichte der Region Kühtai-Sellraintal!

Juni 2021

Der Dank gilt der TIWAG und allen Arbeitern der Partie die sich für etwas verhältnismäßig Unbedeutendes den Aufwand angetan haben!

Schlicker Seespitze

U.a. Seidler, Wechner, …
Ganz rechts oben neben den Schriften eingraviert: Pock

 

Horntaler Joch

Am Horntaler Joch gibt es direkt nebeneinander mehrere, teils nur mehr schwer lesbare, Namen. Johann Suitner.
„Seidler“ am Horntaler Joch (Foto: Christian Zach)

 

Exkurs: Pock-Aufschriften in anderen Gebirgsgruppen

Julius Pock war neben dem Sellrain vor allem in den Sarntaler Alpen und im Karwendel alpinistisch aktiv. Auch dort gibt es einige Hinterlassenschaften des bekannten Bergsteigers aus dem 19. Jahrhundert.

Bereich Lamsenjochhütte
Ridnauntal – Grohmannhütte. Foto: Andreas Prantner
Siegl und Wechner am Grat zwischen den Praxmarerkarspitzen im Karwendel. (Foto: Bernhard Oss)
Tützscher, Wechner, Pock. Gamskarspitze Westgrat, Karwendel (Foto: Bernhard Oss)
Pock-Schriftzug am Gipfel der Karspitze in den Sarntaler Alpen. Foto: Bernhard Oss
Wechner und Pock am Gipfel das Habicht. Foto: „talverbot“

Wahrscheinlich sind von den damaligen Bergsteiger noch viele Hinterlassenschaften in verschiedenen Gebirgsgruppen vorhanden. Nur hat sie wohl noch niemand bis dato als solche erkannt, beschrieben oder fotografisch festgehalten.

Darum bin ich für weitere Hinweise solcher Spuren sehr dankbar!

Am besten per Email unter admin (at) lukasruetz.at

4 Gedanken zu “„Verewigungen“ der ersten Bergsteiger in schwarzer Leinölfarbe in Tirol und im Sellrain | #DahoamimSellroan Inschriften auf Felsen und Steinen

  1. Heute nennt man diese Schmierereien „Graffitis“ und diese Unsitte gipfelt (im wahrsten Sinn des Wortes) in den bunten Aufklebern diverser Vereine.

  2. Ein schöner Beitrag zur Geschichte des Tiroler Alpinismus Luggi – habe ich lange vermisst im Internet.
    Die noch erhaltenen Kennzeichnungen gibt es vorwiegend in deiner Region und sie sind auch beschrieben, jedoch hat noch kaum jemand Fotos davon veröffentlicht und es zeichnet dich aus, daß du an die Dokumentation von Zeugnissen der Wurzeln des Bergsteigens denkst und die Originalinschriften von u. a. Mitgliedern der Wilden Bande veröffentlichst.

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