Gletscher-Strawanzen am Lüsener Ferner

Gletscher-Strawanzen am Lüsener Ferner

Lesezeit: 6 min
Die Mure und das Hochwasser von Ende Juli haben nicht nur im Lüsener Talboden einiges zerstört, sondern auch (wieder einmal) die Wasserfassung des Kleinen Horntales die erst vor wenigen Jahren saniert wurde.
Der neue Steig auf den Lüsener Ferner war jung, aber wurde nicht alt. Inzwischen wurde er aber schon wieder gerichtet.
… hier muss es seit etlichen Jahren nicht mehr hergermurt haben. Woran erkennt man das?
Die 1850er Moräne im Kleinen Horntal erodiert jedes Jahr markant weiter.
Der Lüsener Ferner hat in den letzten Jahren nur marginal an Fläche eingebüßt – aber er verliert jährlich 1 – 2 m an Masse bzw. Höhe des Eises. An den heißesten Tagen mit 35°C im Inntal schmelzen hier etwa 350 000 Tonnen Eis und fließen ins Schwarze Meer. Täglich!
Heuer ist sogar der Schnee in vielen Bereiche abgeschmolzen, wo er bis jetzt noch ganzjährig liegen geblieben ist. Man erkennt hier schön die Neubildung von Eis in den letzten Jahrzehnten anhand der Jahrringe.

Flugzeugabsturz 1994 am Lüsener Ferner.
Das Kleinflugzeug war damals in einer Spalte vollkommen versenkt.
2013 sind die damals nicht zu bergenden Reste ausgeapert… Hier ein Artikel im ORF Tirol.
Überblick vom Vorderen Hinterbergl
Zur 3. Brunnenkogelscharte
Die Bereiche mit Neubildung von Eis sind zwar winzig, aber es gibt sie noch. Ganz hinten im Gletscherbecken. Hier erkennt man über 10 Jahre an nicht ausgeapertem Schnee der sich langsam verdichtet und zu neuem Gletschereis wird.
Ich glaube aber nicht, dass es 10 aufeinanderfolgende Jahre sind, sondern eher nur die „besseren“ Gletscherjahre respektive -sommer. Der Schnee vom Winter 2022 ist hier ebenfalls schon abgeschmolzen. Man dürfte hier wahrscheinlich sehen: Von oben: 2021, 2019, 2016, 2014, 2013. Das mächtigste Jahr ist also 2014. Dieser Sommer war kalt und trüb. Der beste Gletschersommer an den ich mich erinnern kann – aber auch der schlechteste zum Bergsteigen weil es kaum brauchbares Wetter gab. Der Lüsener Ferner war im Herbst 2014 nicht einmal zur Hälfte der Fläche ausgeapert. In durchschnittlichen Jahren apert er immer zu über 95% aus. 2022 ist er bereits Ende Juni – so früh wie noch nie – zu über 90% ausgeapert!
Panorama vom Südgrat des Vorderen Brunnenkogels. Die Hinterbergl-Eiswand, ihres Zeichens die letzte des Sellraintales – wird bald auseinanderreißen. Vermutlich allerspätestens in drei Jahren, vielleicht auch schon 2023…
Längentalferner löst sich langsam auf.

Verwitterung von Granitgneis.
Ein paar Spalten gibt es aber noch in wenigen Ecken des Lüsener Ferners.
Alte Gletschertische
Intakte Gletschertische mit Spalten unterhalb der Berglasspitze.
Lüsener Spitzl

Von Praxmar aus sieht man noch ein ganz klitzekleines Eck vom Eis des Lüsener Ferners. Von Lüsens aus sieht man seit 2020 kein Eis mehr.
Man erkennt die kleinen, mit Jahreszahl rot beschrifteten Tafeln die ein Kollege seit 2016 an der Gletscherkante des Lüsener Ferners immer Ende August einbohrt. Und zwar an die Eisoberkante. Hier 2020 und 2021. Durchschnittlich 1,5 m Eisdicke geht jährlich dort verloren. Heuer sind es Anfang August schon gleich viel. Und es könnten fast doppelt so viel werden. Es ist wahrlich das Jahr mit dem größten Verlust das unsere Gletscher seit Menschengedenken gesehen haben.
Was bleibt, sind Berge die genauso schön sind – aber doch einen beträchtlichen Teil ihres Zaubers verlieren. Ein Hochgebirge ist ein Gebirge, wo oben ganzjährig Schnee liegt. Im Sellrain gibt es kein Hochgebirge mehr. „Nur“ mehr ein Gebirge.
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2 Gedanken zu “Gletscher-Strawanzen am Lüsener Ferner

  1. Hallo Lukas,
    Du redest von einem neuen Steig auf den Lüsener Ferner.
    Mir ist der Steig am Kleinen Horntal vorbei bekannt, du meinst einen anderen Steig?
    So frage ich mich ob es einen Steig gibt von Lüsens her kommend über die Mauer an der rechten Seite? Auf der AV-Karte sieht man hier einige Steigspuren.
    Sowieso ein tolles Tal, und deine Foto’s unschlagbar!
    Lg Fred / Niederlande

    • Hallo Fred,

      es gibt einen neuen Steig samt Hängebrücke. Zwar nur für gute, schwindelfreie und trittsichere Wanderer geeignet, aber ein tolles Erlebnis.

      LG
      Lukas

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