Die Schneelast auf Dächern Eine halbe Tonne Schnee auf jedem Quadratmeter | SchneeGestöber #9 20/21

Die Schneelast auf Dächern Eine halbe Tonne Schnee auf jedem Quadratmeter | SchneeGestöber #9 20/21

Lesezeit: 8 min

In den letzten Tagen las man immer wieder von eingestürzten Dächern der schneereichen Regionen südlich des Alpenhauptkammes. Wie viel Schneelast muss ein Dach eigentlich aushalten können und wie viel Kilogramm an Schnee liegen derzeit auf den Dächern Tirols?

In weiten Teilen der Alpen gibt es inzwischen eine satte Schneedecke, oft sogar bis in die Tallagen. Gleichzeitig liest man immer häufiger von einbrechenden Dächern. Meist sind große Hallen oder Bergstadel betroffen, teilweise sogar Einfamilienhäuser wie das Beispiel am Foto aus Tristach in Osttirol zeigt.

Eingestürztes Dach eines Einfamilienhauses im Jänner 2021 bei Lienz in Osttirol. Foto: Nomen nescio

Was muss ein Dach aushalten? – Die Normen am Beispiel Österreich

Die fünf Schneelastzonen in Österreich
(Quelle: www.ziegler-metall.at)

Abhängig vom Standort des Gebäudes, also der Seehöhe und der Region, muss ein Dach in Österreich zwischen 84 und 1080 Kilogramm pro Quadratmeter Schneelast tragen können.

Die Werte werden durch die ÖNORM EN 1991-1-3 geregelt die zuletzt 2006 überarbeitet wurde. Neben der Klimazone ist auch die Seehöhe ausschlaggebend, wobei eine fixe Formel bis zu 1.500m angewandt wird – darüber gelten dann andere Regeln.

Die niedrigste Last gilt dabei für die pannonische Tiefebene – die Klimazone im äußersten Osten Österreichs mit den Bundesländern Burgenland und Wien.

Mehr als das Zehnfache, also eine gute Tonne Schnee pro Quadratmeter müssen hingegen die Dächer von St. Christoph am Arlberg oder Obertilliach in Osttirol aushalten können. Bei einer gut gesetzten Altschneedecke rechnet man mit einer Dichte von etwa 300 bis teilweise 400 kg pro Kubikmeter. Das heißt, am Arlbergpass wird es erst bei einer ca. drei Meter mächtigen, gesetzten Schneedecke notwendig, das Dach abzuschaufeln.

Wie werden die Werte festgelegt?

Die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik mit ihren jahrzehntelangen Messreihen aus allen erdenklichen Orten Österreichs stellt die wichtigste Institution in Sachen Schneelast-Knowhow in Österreich dar. Die ZAMG betreibt regelmäßige Schneelastmessungen in mehreren Orten Österreichs und gibt Empfehlungen, sobald Dächer abgeschaufelt werden sollten.

Gängiger Irrglaube: Regen auf Schnee erhöht die Last extrem

Wenn es regnet, wird der Schnee und damit die Dachlast maximal um das Gewicht schwerer, wie viel an Regen gefallen ist. Ein Liter/m² Regen ist ein Kilogramm Wasser. Und meist regnet es im Winter, vor allem in höheren Lagen, kaum mal mehr als 20 oder 30 Liter pro Quadratmeter.

Der Eindruck, dass der Schnee um ein Vielfaches schwerer würde, entsteht nur durch die Dichteänderung aufgrund der starken Setzung der Schneedecke mit dem Regen. Der Schnee wird hauptsächlich dichter, aber nur um das bisschen Regen schwerer. Im Alltag wird aber die Dichte eines Materials oft mit dem Gewicht gleichgesetzt beziehungsweise verwechselt. Regnet es so stark, dass die gesamte Schneedecke durchfeuchtet und sogar Wasser aus ihr abrinnen kann, wird die Schneedecke oft durch den Regen sogar leichter statt schwerer. Das verlorene Gewicht rinnt dann einfach über die Dachrinne als Wasser ab während man als Mensch gleichzeitig das Gefühl hat, die Last würde sich durch die höhere Dichte am Dach erhöhen. Mehr dazu im SchneeGestöber #16 2019/20.

Einstürzende Dächer – ganz normal?

Die Normwerte stützen sich auf eine gewisse Jährlichkeit von Schneelasten. Die Frage ist: Wie oft kommt diese Schneelast statistisch gesehen in dieser Region vor? Dabei geht man von vielen Jahrzehnten aus.

Nach heutiger (!) Norm gebaute Dächer müssten demnach wirklich nur in einem Bruchteil der Winter abgeschöpft werden in dem sie tatsächlich von den Menschen vom Schnee befreit werden. Meistens geht man nur auf Nummer sicher, da man vor allem bei einer mächtigen Schneedecke bereits im Frühwinter nie weiß, wie sich der Winter weiter entwickeln wird. Außerdem wird es bei mehr Schnee immer schwieriger und zeitaufwändiger, die Schneemassen von den Dächern herunter zu bekommen.

Beispiele vom Jänner 2021 aus Osttirol

Die derzeitige Situation in Tirol

Gewaltige Schneehöhen und damit auch Schneelasten auf den Bergen Osttirols. Foto: Alois Mariacher – https://www.virgenalpin.at/

In Osttirol hat es im bisherigen Winter zwei bis dreimal so viel geschneit als ein einem durchschnittlichen, gesamten Winter. Der Hotspot ist momentan Obertilliach im südlichen Osttirol. Dort werden Werte von 550 Kilogramm Schnee pro Quadratmeter gemessen. Auf einer Seehöhe von 1.400 Metern bei einer Schneehöhe von etwa 170 cm. Die Schneedichte beträgt damit ca. 330 kg/m³. Oder einfacher gesagt: Auf jedem Quadratmeter steht eine große Kuh.

In den Nordtiroler Gemeinden ähnlicher Seehöhe kommt die Schneelast meist noch nicht an 300 Kilogramm pro Quadratmeter heran.

Außergewöhnlich ist vor allem der Raum um Lienz in Osttirol. Dort wurden die Normen bereits überschritten und dementsprechend wochenlang hunderte Dächer abgeschaufelt. Die meisten Meldungen eingestürzter Dächer kamen auch von den tieferen Tallagen Osttirols und aus Oberkärnten.

Auf einer Seehöhe von 660m liegen in Lienz derzeit 435 Kilogramm Schnee pro Quadratmeter. Die Normlast liegt jedoch bei 360kg/m².

Für die Sellraintaler

Die Norm liegt für

  • St. Sigmund bei 670 kg/m²
  • Gries bei 470 kg/m²
  • Sellrain bei 330 kg/m²

Mit 31.01.2021 liegen in St. Sigmund ca. 280 kg/m² Schnee.

Weiterführende Links

Schneelastrechner für Österreich: https://www.karner.co.at/schneelastberechnung/

ORF-Artikel zur Situation Mitte Jänner 2021: https://tirol.orf.at/stories/3085521/

Schneewasserwertmessungen Hydrographie Tirol: https://wiski.tirol.gv.at/hydro/#/Schneewasserwert

Messungen vom 26.01. aus dem Pitztal und aus Osttirol

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