Schneeprofil-Besprechung Übung macht den Meister | SchneeGestöber #3 20/21

Schneeprofil-Besprechung Übung macht den Meister | SchneeGestöber #3 20/21

Lesezeit: 11 min

Lawinenwarndienste, PowderAlarm und WetterBlog haben die aktuelle Situation um die intensiven Neuschneefälle im Süden und den Aufbau der Altschneedecke intensiv besprochen. Darum widmen wir uns wieder einem beispielhaften Schneeprofil von Mitte November, wie man es liest und interpretiert.

Profil lesen

Das Schneeprofil wurde am 15. November am Zwieselbacher Rosskogel auf 3065m in den Stubaier Alpen aufgenommen. Es handelt sich dabei um einen 40° steilen Nordhang. Während der Profilaufnahme ist es leicht bewölkt, die Lufttemperatur befindet sich bei -1,4°C und es weht kein Wind.

Für das Profil wurden 16 Schichten per Hand herausgearbeitet die sich auf einer Schneehöhe von 115cm verteilen. Die Schneehöhe ist übrigens die Dicke der Schneedecke lotrecht gemessen. Die Schneemächtigkeit wäre die Dicke der Schneedecke im rechten Winkel zum Untergrund gemessen.

Es handelt sich im oberen Bereich um eine Abfolge aus Schmelzkrusten (Brillensymbol) und mäßig aufbauend umgewandelten Schichten dazwischen (Quadrat-Symbol). Direkt an der Oberfläche finden wir Oberflächenreif mit einer Korngröße von drei bis 20 Millimetern, also schon riesige, plättchenförmige Kristalle. Dieser Oberflächenreif sitzt auf einer Schmelzkruste die bereits teilweise merklich aufbauend umgewandelt wurde – darum befindet sich in der Brille teils ein Quadrat statt eines Kreises. Unterhalb der des fünfschichtigen Gebildes aus der deutlich aufbauend umgewandelten Schmelzkruste kommt eine extrem weiche (Härte 1, blauer Balken schlägt nur minimal nach links aus) ebenfalls aufbauend umgewandelte Schicht die wir von 105cm bis 90cm sehen. Die Kantigen Kristalle dieser Schicht sind 1 – 1,5 Millimeter groß. An der oberen Schichtgrenze zur Schmelzkruste gibt es fünf Nieten. Diese werden automatisch vom Schneeprofilprogramm berechnet und zeigen große Unterschiede zwischen den Schichten bei unter anderem Härte, Korngröße, Kornform an. An den Schichtgrenzen mit vielen Nieten kann man eher einen Bruch auslösen. Als Schneedeckentest wurde zweimal ein ECT – Extended Column Test durchgeführt (siehe Bemerkungsfeld). Bei den gesamt 30 Schlägen jedes ECTs konnte in der gesamten Schneedecke nur jeweils ein Bruch ausgelöst werden. Dafür aber bereits beim dritten beziehungsweise beim fünften Schlag mit dem Ergebnis ECTP. Das P steht dabei für Propagation und zeigt an, dass die Schwachschicht über die gesamte Breite von 90cm gebrochen ist, nicht nur unter dem Schaufelblatt wo man draufschlägt. Man spricht dabei von einer Bruchausbreitung.

Darunter finden wir dann noch einmal eine nur leicht ausgeprägte, kantige Schicht unterhalb einer noch schwächer ausgeprägten Kruste. Und unterhalb von ca. 65cm wird die Schneedecke dann deutlich härter und kompakter. Wir finden auch nur mehr alte, aufbauend umgewandelte Schichten die sich bereits wieder abbauend umwandeln konnten. Das sind dann die kantig-abgerundeten Kristalle zwischen den Krusten. Die unterste Schicht besteht aus rundkörnigem Schnee und Schmelzformen. Hier gibt es keine Hinweise auf die Bildung einer Altschneeschwachschicht.

Der Temperaturverlauf in der Schneedecke weist oben einen starken Gradienten mit einer Änderung von -11,7°C auf -6,5°C auf etwa 15cm auf. Also 5,2°C Unterscheid auf nur 15cm. Darunter wird der Gradient steiler, also schwächer ausgeprägt. Zwischen der Messung von -6,5°C und -0,5°C  am Boden liegt fast ein Meter Schnee. Der Gradient ist also nur 6°C/1m.

Riesige Oberflächenreifkristalle die man vor den Schneefällen teilweise finden konnte.

Profil interpretieren

Allgemeines

Wenn es sich nicht um eine eingeblasene Mulde handelt und auch rundherum um den Profilstandort ähnlich viel Schnee liegt, kann man in diesem Bereich schon sinnvoll zum Aufnahmezeitpunkt mit Tourenski unterwegs sein. Die Schneedecke ist mächtig genug und vor allem kompakt genug, um nicht im losen Pulverschnee oder im durchgehend lockeren, aufbauend umgewandelten Schnee (= „Recycled Powder“) bis zum Grund einzusacken.

Temperaturverlauf

Da der Himmel zum Aufnahmezeitpunkt nur leicht bewölkt ist und wir uns hier beim niedrigen Sonnenstand von Mitte November in einem 40° steilen Nordhang befinden, war die ca. 10°C kältere Schneeoberfläche als die Temperatur der Luft zu erwarten. Durch das vorherige, tagelange Schönwetter ohne Niederschlag ist auch der massive Temperaturgradient im oberen Bereich der Schneedecke keine Überraschung. In den obersten etwa 20 Zentimetern der Schneedecke findet zum Aufnahmezeitpunkt massiv die aufbauende Umwandlung statt. Die Schmelzkrusten werden damit zusehends aufgelöst, weicher und brüchiger. Ihre Schmelzformen wandeln sich dabei zu Kantigen Kristallen um. Aber auch die markante, weiche Schwachschicht darunter baut sich dadurch zusehends aufbauend um – die Kristalle werden größer und größer. Wenn das noch viele Tage so weitergehen würde, bildet sich hier Schwimmschnee.

Im unteren Bereich der Schneedecke ist der Temperaturgradient zu schwach ausgebildet für die aufbauende Umwandlung. Hier arbeitet derzeit die abbauende Umwandlung. Man erkennt auch schon die Produkte daraus mit den rundkörnigen und kantig-abgerundeten Kristallen.

Lawinengefahr

Zum Zeitpunkt der Aufnahme herrscht hier kein ausgeprägtes Problem. Obwohl der Schneedeckentest extrem schlechte Ergebnisse mit der Kombi aus geringer Belastung samt Bruchausbreitung liefert. Eine harte Schmelzkruste als einzige Auflage oberhalb der Schwachschicht ist für eine großflächige Bruchausbreitung und damit einen Lawinenabgang nur extrem selten geeignet. Die Bruchausbreitung innerhalb einer Schwachschicht ist immer ein Produkt aus den Eigenschaften des Schneebretts und der Schwachschicht zusammen. Wenn das Brett drober nicht passt oder erst gar nicht vorhanden ist, gibt es auch kein Problem. Eine Schneebrettlawine ist zwar bei einer harten Schmelzkruste als einziger Teil des überlagernden Schneebretts nicht ausgeschlossen – aber sehr unwahrscheinlich. Sonst könnte man sich auch im Frühjahr mit dem tragfähigen Harschdeckel nicht mehr ins Gelände trauen.

Ausblick

Für die Zukunft heißt das Profil und der Test allerdings nichts Gutes. Die markanteste, kantige Schicht ist extrem weich und sobald ein geeignetes Brett aus Trieb- oder Neuschnee drüber liegt, wird es hier höchstwahrscheinlich brandheiß. Auch die riesigen Oberflächenreifkristalle kommen als giftige Schwachschicht in Frage, sobald Schnee darüber liegt.

Man kann es zwar ohne das Profil selbst gegraben zu haben, nicht ganz leicht herausfinden, warum der Oberflächenreif entstanden ist. Aber mit den Koordinaten in der Infobox oben beziehungsweise in der Profildatenbank auf lawis.at wo jeder Profilstandort auf einer Karte eingezeichnet wurde, kann man zumindest vermuten, dass der Oberflächenreif durch den Nigg-Effekt entstanden ist.

In diesem Fall war tatsächlich der Nigg-Effekt dafür verantwortlich. Das Profil befindet sich schattseitig direkt unter einem Kamm. Beim Nigg- Effekt steigt sonnseitig warme Luft thermisch auf, sackt anschließend hinter dem Grat schattseitig wieder hinunter und gibt dabei die Feuchtigkeit an die verhältnismäßig kältere Schneeoberfläche ab. Dabei friert die Luftfeuchtigkeit auf die Schneeoberfläche an und der Oberflächenreif wächst.

Im unteren Bereich der Schneedecke gibt es übrigens keine großen Sorgenkinder. Dort sollten sich auch bei intensiven Neuschneefällen und starker Auflast keine Probleme ergeben.

Für die Fanaten: Zuordnung nach Schneefällen und Wetterphasen

Eine Zuordnung der Schwachschichten und Krusten ist oft möglich – wenn man den genauen Wetterverlauf, die etwaige Regengrenze und Bewölkungsverhältnisse für eine Region genau kennt. In unserem Fall stammt die oberflächennahe Kruste vom Regen und der feucht-warmen Luft vom 03./04.11.

Die beiden, lockeren, kantigen Schichten darunter waren der intensive Neuschneefall von Ende Oktober mit über 50cm an diesem Standort. Der unterste Bereich bis zur ersten Schmelzkruste bei 33cm hinauf, stammt vom ersten Starkschneefall von Ende September.

Fazit

Beim Klopfen auf eine 90cm breite und 30cm tiefe Säule bei einem ECT. Foto: LWD Tirol

Ein beispielhaftes Profil, das die Limitierung von Schneedeckentest-Ergebnissen sehr schön zeigt! Eines oder mehrere, schlechte bis erschaudernde Testergebnisse oder einige gute Testergebnisse sagen noch lange nichts über die Gesamtsituation aus und lassen keine alleinigen Schlüsse auf die Schneedeckenstabilität zu. Sie können auch nicht zur Einzelhangbeurteilung verwendet werden. Auch wenn man das leider bei vielen Ausbildungen immer noch so lernt.

Ein Schneeprofil und ein Schneedeckentest stellt immer nur einen Mosaikstein im Bild der Gesamtsituation dar und kann repräsentativ für einen Bereich der Gesamtsituation sein – muss es aber nicht! Es gilt, das Steinchen in das Gesamtbild einzuordnen und damit weiterzuarbeiten und nicht allein daran seine Entscheidungen festzulegen. Dafür braucht es weit mehr Wissen und Erfahrung als ein Testergebnis interpretieren zu können und ist damit leider nur für wenige Profis möglich.

Hinweis: Viele, aktuelle Schneeprofile aus den Ostalpen findet man unter lawis.at/profile und hauptsächlich aus Amerika und Neuseeland unter snowpilot.org

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2 Gedanken zu “Schneeprofil-Besprechung Übung macht den Meister | SchneeGestöber #3 20/21

  1. Hallo Lukas,

    immer wieder die Frage bei vorhandenen Schmelzkrusten. Die Brüchigkeit solcher Schichten hängt ja im Wesentlichen von deren Stärke ab. Was mir aber noch nicht klar ist: was passiert, wenn eine solche Schmelzkruste bricht? Geht sie dann nur an dieser Stelle „kaputt“ oder gleitet sie dann großflächig bergab (Bruchausbreitung)?

    Grüße
    Werner

    • Hallo Werner,

      dazu müssen wir den Bruch in der Schwachschicht der für den Abgang des Schneebretts verantwortlich ist, klar vom veritkalen „Bruch“ des Schneebretts trennen. Wenn wir vom „Bruch“ sprechen, meinen wir immer nur den mehr oder weniger hangparallelen Bruch innerhalb einer Schwachschicht – niemals das vertikale Außeinanderreißen des Bretts darüber.

      Die Brüchigkeit (die sich nicht auf den Bruch der Schwachschicht bezieht) bzw. Tragfähigkeit einer Kruste hängt von deren Dicke und vor allem Härte ab, genau.

      Da Schmelzkrusten in der Regel die Welle für die Bruchausbreitung nicht erzeugen können und vorher vertikal auseinanderreißen, sind sie nicht für das Ausbreiten eines Bruchs über genau diese Wellenbewegung in der Schwachschicht geeignet. Das Brett schiebt den Bruch in der Schwachschicht ja über diese Welle weiter.

      Oder sie sind einfach so hart und verteilen das auflagernde Gewicht so großflächig auf die Schwachschicht, dass diese die Belastung aushalten kann.

      LG
      Lukas

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