Bekannte „Lawinenhänge“ in Kühtai – Sellraintal | #DahoamimSellroan

Bekannte „Lawinenhänge“ in Kühtai – Sellraintal | #DahoamimSellroan

Lesezeit: 10 min

Eine kleine Sammlung bekannter Lawinenhänge in den Sellrainer Bergen – inklusive Fallbeispiele der dortigen Unglücke. Was sie alle gemeinsam haben: Sie sind vielbegangen und gelten als „Standardtouren“. „Lawinenhang“ nicht deshalb, weil sie von Natur aus gefährlicher wären – sondern weil bei ihnen die menschlichen und natürlichen Faktoren genau so zusammenpassen, dass dort öfter Unfälle passieren.

Zischgeles!

Beginnen wir mit unserem bekanntesten Sorgenkind, dem Zischgeles.

Der primäre Problembereich des Zischgeles  ist sehr steil bis extrem steil, Exposition Nord-Nordost, in einem Höhenband zwischen 2300m und 2800m – das sogenannte Kamplloch. Der Schnee bleibt hier im Frühwinter – wie hier im Herbst 2017 – liegen, wandelt sich häufig aufbauend um und bildet damit die späteren Schwachschichten. Der Winter des Beispielfotos zeigt aber auch, dass dies nicht immer passieren muss. Im Winter 2017/18 gab es hier nämlich kein latentes Altschneeproblem durch den weiteren Winterverlauf. Denn dieser hat die im Herbst ausgebildeten Schwachschichten nicht relevant werden lassen durch eine massive Schneeauflage.

Ein sehr steiler, riesiger Nordhang zwischen 2300m und 2800m ist prädestiniert für Lawinenunfälle: Im Frühwinter bleiben die ersten Schneefälle liegen, diese wandeln sich häufig aufbauend um. Direkte Sonneneinstrahlung bekommt das Gelände über den Herbst, Früh- & Hochwinter praktisch gar keine ab. Es gibt mehrmals die Übergänge von schneereich zu schneearm (in schneearmen Bereichen löst man Lawinen tendentiell leichter aus, der schneereiche Bereich bricht allerdings nach der Auslösung häufig mit).

Im Normalfall wird der Zischgeles während der Schwachschichtbildung im Frühwinter kaum begangen. Die Schwachschichten können sich ungestört ausprägen. Es schneit folglich drauf, die Skitourengeher kommen in Scharen ob des wunderbaren Skigeländes des Berges. Diese zerpflügen allerdings nicht mehr die Schwachschicht sondern lediglich die nun vorhandene Auflage aus Neuschnee. Diese Auflage verfestigt sich dadurch in den schneereichen Bereichen der üblichen Aufstiegsroute. Links und rechts davon fährt wegen dem wenigen Schnee und den Steinen aber noch keiner.

Ausgelöst wird die typische Unfalllawine am Zischgeles dann meist im schneearmen Bereich daneben. Da die Schwachschicht aber großflächig vorhanden ist, bricht oft der ganze Hang mit – auch dort, wo mehr Schnee liegt und schon hunderte Personen vorher drübergefahren sind. In vielen Fällen konnte man sie direkt auf der Hauptroute allerdings nicht so leicht stören wegen der mächtigeren Schneeauflage, dem flacheren Gelände und der Verfestigung der Auflage durch andere Skisportler vorher.

Die Situation entwickelt sich häufig ähnlich. Natürlich nicht immer und Lawinen kann man deswegen in den anderen Bereichen genau so auslösen…

Die Unfallanalyse zum letzten tödlichen Unfall im Dezember 2012 am Zischgeles findet man hier.

 

Letzte tödliche Unfalllawine vom Dezember 2012. In rot die schneearmen, steilen Bereiche, wo Lawinen eher ausgelöst werden können. In blau die eingewehte Normalroute in Aufstieg und Abfahrt.

 

Schneearmer WinterExtrem schneereicher Winter

 

Bei einem Altschneeproblem laut Lawinenlagebericht im Höhenbereich 2300m bis 2800m schattseitig bleibt Lukas diesem Berg prinzipiell fern.

Damit die Liste möglichst nicht fortgeführt wird

Der Zischgeles war übrigens ursprünglich ein Skiberg für das Frühjahr – also April, Mai, Juni. Warum wohl?

 

Sulzkogel!

Eine tödliche Unfalllawine am Sulzkogel 2005. Damals allerdings ein Altschneeproblem! Man erkennt sehr gut das meist kammnah abgehende Schneebrett mit Anriss, Stauchwall, Sturzbahn und Lawinenkegel.

Daneben ist der Sulzkogel Gipfelhang ein Klassiker für Schneebrettlawinen mit Personenbeteiligung. Aber nur selten bei einem Altschneeproblem.

Durch die Südost-Exposition und die konkave, rinnenartige Form ist dieser kammnahe, sehr steile Hang bei Wind über Verfrachtungsstärke praktisch immer frisch eingeweht. Die Westhänge auf der Hinterseite dienen als ideale Angriffsfläche für alle Winde aus westlicher Richtung (also von Süd über West bis Nord)  und der dort lagernde Schnee wird in den Skitourenhang verfrachtet.

 

 

 

 

Eine Analyse dieses Unfalls gibt es im folgenden Buch:

 

Auch bei allgemein niedriger Lawinengefahr gibt es am Sulzkogel am ehesten frische, störanfällige Triebschneepakete.

Kleine Schneebrett am Sulzkogel Gipfelhang bei Lawinenwarnstufe 1 durch frischen Triebschnee

 

Den Sulzkogel anzuspuren erfordert intensive Überlegungen bezüglich lokaler Topographie und ihrer Auswirkung auf die Lawinensituation

 

 

Daneben ist der Sulzkogel-Gipfelhang durch die südostseitige Ausrichtung  prädestiniert für  Nassschneelawinen. Meist kleine Lawinen, die durch die extrem steilen Bereiche östlich versetzt oberhalb des Skidepots spontan abgehen – ihre Opfer allerdings am Hangfuß zuschütten. Einem prominenten Opfer einer solch spontanen Nassschneelawine ist das größere der beiden Gipfelkreuze gewidmet. Er ist dort bei einer Frühsommerskitour Anfang Juni 1995 von der Lawine überrascht worden – trotz seiner Entscheidung am Hangfuß umzudrehen!

 

 

Pirchkogel / Hinterer Grieskogel!

Tödliche Unfalllawine vom 20.12.2014. Der untere Bereich der eingezeichneten Lawinenlaufbahn ist meist stark verspurt, weniger steil & gleichzeitig der übliche Aufstiegsbereich auf den dahinter liegenden Pirchkogel.

 

 

Ebenfalls besonders unfallträchtig bei einem klassisches Altschneeproblem (das heißt, wenn hauptsächlich Schattenhänge zwischen 2000m und 3000m vom Altschneeproblem betroffen sind) ist die Querung unterhalb des Hinteren Grieskogels im Zuge der Aufstiegsroute von Kühtai auf den Pirchkogel. Schon mehrere Menschen sind hier ums Leben gekommen. Unfallanalyse zu zum letzten tödlichen Unfall im Dezember 2014.

 

 

 

 

 

Die Lawine wird meistens im oberen, wesentlich steileren Bereich bei der Abfahrt mit Rausqueren (unverspurtes Gelände…) ausgelöst. Unten befindet sich ein kleiner See – eine Geländefalle wo die Lawinenablagerung meterdick liegen bleibt.
Herbstlicher Blick von den Irzwänden zum Hinteren Grieskogel und Pirchkogel. Man sieht wie der Hintere Grieskogel den Schnee durch seinen Schatten im Nordhang nicht mehr abschmelzen lässt. Dadurch bilden sich dort am ehesten bodennahe Schwachschichten die später im Winter relevant werden.
Zum Gedenken an zwei Lawinenopfer steht ein Kreuz vor man die Querung am Hinteren Grieskogel erreicht.

Lampsenspitze!

Auch auf der Lampsen gibt es eine Hand voll Hänge die bekannt für ihre Affinität zu Schneebrettlawinen beim Altschnee- & Triebschneeproblem sind: direkt neben der üblichen Aufstiegsspur.  Die Unfallanalyse zum letzten tödlichen Unfall  im Jänner 2013 ist hier zu finden.

Man erkennt die beiden Hänge, wo man bei der Lampsenspitze am häufigsten Schneebrettlawinen sieht. An der unteren Schneebrettlawine am Foto gab es Im Jänner 2013 einen tödlichen Unfall – bei fast exakt dem selben Ausmaß des Schneebretts wie am Foto das einige Jahre früher aufgenommen wurde.

 

Die obere der beiden klassischen Lampsen-Unfalllawinen, direkt an der Aufstiegsspur kurz unterhalb des üblichen Skidepots.

Zur Zischgeles-Lampsen-Problematik gibt es bereits einen tollen Beitrag im BergundSteigen, als PDF verfügbar.

 

Zusammenfassung

An jedem Steilhang können Lawinen ausgelöst werden. Es kommt immer auf die aktuell vorherrschenden Verhältnisse an.

Wir sehen: Ob wir eine Skitour häufig begehen oder selten und ob sie zu einer Standardtour geworden ist oder nicht, interessiert eine Lawine herzlich wenig. Was hilft ist das eigene Hirnschmalz in Verbindung mit dem Lawinenlagebericht:

Also wann und wo (beim Altschneeproblem v.a. Höhenlage und Exposition) es welches Problem gibt und wie man ihm ausweicht.

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6 Gedanken zu “Bekannte „Lawinenhänge“ in Kühtai – Sellraintal | #DahoamimSellroan

  1. Hi Lukas,
    diese wertvolle Seite ist leider nicht so einfach mehr zu finden von der Hauptseite aus. Oder uebersehe ich da etwas?
    VG
    Rick

  2. Ja am 05.01.2018 war ich auch wieder auf der Lampsen und habe den „Michi“ besucht. Er hat sich ein schönes Platzerl ausgesucht. Am 05.01.2013 war ein tragischer Tag an der Lampsen und ein komisches Wetter ohne Sicht und vorher hatte es noch geregnet, In der Kapelle in Praxmar steht ein Foto von ihm.

  3. Super deine Analysen und Hinweise. Auf jeder deiner dargestellten Touren war ich bereits mehrmals.
    Gut zu wissen wo Vorsicht angebracht ist.

  4. Lukas du bist nicht nur viel am Berg unterwegs und findest trotzdem noch Zeit für deine sehr kompetent en Beiträge !noch viele lässige Touren!

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