03.05.2020 | Frühjahrspulver vom Feinsten Quarantäne-Aus, Skitouren-Traum

03.05.2020 | Frühjahrspulver vom Feinsten Quarantäne-Aus, Skitouren-Traum

Lesezeit: 7 min

Der 03. Mai war ein top Frühjahrsskitourentag der in den Kategorien „bester Pulver der Saison“ und „lässigster Tourentag der Saison“ konkurriert.

Wer im Frühjahr etwas vom Pulver haben will, braucht neben kühlen Frühtemperaturen (-4°C an diesem Tag), einen möglichst wolkenlosen Himmel ab Sonnenaufgang (damit es keine diffuse, kurzwellige Strahlung sowie keine langwellige Strahlung der Wolken gibt, die jeweils dem Schnee auch in sonnenabgewandten Hängen sofort einen Stich geben würden – d.h. er würde sofort pappig, klebrig, feucht werden) und einfach einen frühen Start und eine west- oder nordseitige Abfahrt. Wer ostseitig oder südseitig makellosen Pulver fahren möchte, der sollte zu Sonnenaufgang bereits fast am Gipfel sein.
Auf über 2000m ticken die Uhren der Jahreszeiten anders. Da kann es noch so grün im Tal sein. Kühtai ist einfach unser Gletscher, eines der schneesichersten Gebiete der Alpen und die höchste, ganzjährig geöffnete Passstraße Österreichs. :-)
Spuren haben wir dann auch noch dürfen, besser geht’s nicht :)
Jetzt ist die Zeit der Frühaufsteher oder masochistisch veranlagter Langschläfer mit einer besonderen Liebe zum Skifahren, und der klassischen Skitourengeher. Nicht-klassische Skitourengeher wie im Früh- und Hochwinter trifft man jetzt nicht mehr.

Oben saukalter Wind

Den besten Pulver fährt man inneralpin & hochalpin immer im März, April und Mai. Warum?
1. Gibt es dann eine gesetzte Unterlage und die Lawinengefahr spielt meist nur mehr eine untergeordnete Rolle. Auf hohen, inneralpinen Bergen ist man in steilen, schattseitigen Hängen im Frühwinter und Hochwinter selten gut aufgehoben. Entweder findet man markante, bodennahe Schwachschichten oder man sackt durch die nicht-gesetzte Schneedecke bis zu den Blockhalden am Grund durch. Fast in den gesamten Alpen sind die hohen, inneralpinen Berge aus Silikatgesteinen gebaut. Das heißt, man findet dort viel grobes Blockgelände. Nicht so wie in den carbonatischen Gesteinen in den randalpinen Zonen, dort findet man höchstens klein-blockiges Gelände, meist aber nur Schotterreisen, glatte Grasböden, oder so steile Felswände, dass man dort eh nicht Skifahren kann.
2. Ändert sich im Frühjahr der Wind. Während die Tiefdruckgebiete im Hochwinter weiter nach Süden „ausschlagen“ und größere Druckgegensätze zwischen Hochs und Tiefs vorhanden sind, ist auch der Wind beständiger und stärker. Darum sind viele Bereiche im Winter immer schneefrei und abgeblasen. Im Frühjahr werden die Druckgegensätze geringer, der Wind wird tendentiell schwächer und der Schnee bleibt eher auf Graten, Rücken, Buckeln liegen.
Durch den schwächeren Wind wird auch der Pulverschnee meist besser. Die Kristalle werden nicht schon in der Luft beim Herunterfallen zerstört und zerkleinert, sondern fallen fluffig zu Boden.
3. Es gibt nicht mehr ausschließlich Frontalniederschläge (Kaltfront, Warmfront) wie im Hochwinter sondern auch langsam konvektive Niederschläge (wie aus Gewitterzellen). Perfekte, lockere Schneeflocken schneit es fast nie aus Wolken einer Front sondern mehr aus konvektiven Zellen.
4. Die Sonne steht so hoch, dass man gutes Fotolicht mit langen Schatten in Nordhängen hat. Im Hochwinter scheint die Sonne in steilere Nordhängen gar nicht hinein. Die Bilder sind alle fahl und bläulich.
Und im Tal wird es grün. Einfach lässig zum Fotografieren dieser Gegensatz.

Blick zurück
Blick voraus. Die letzten Altschneereste eignen sich problemlos für den Aufstieg und die Abfahrt.
Der zweitmeist fotografierte Baum im Sellrain?
Der meistfotografierte ist der tote Baum auf Salfeins…
Herbst-Gefühle :) Es ist eben Maivember.
Aufstiegsspuren sollen genau so grazil wie Abfahrtsspuren angelegt werden.

Immer wieder toll wenn man mit Ski rauf und runterkommt.

 

Die Hänge waren bereits aper. Durch einen halben Meter Neuschnee in Summe mit Zeit zum Setzen werden sie wieder befahrbar und die Gleitschneeaktivität startet wieder wie im Herbst nach dem ersten, markanten Schneefall. Es ist eben Maivember.

Da wir anfangs nicht wussten, wie wir die Runde durchführen, mussten wir die Ski wieder zurücktragen. Fazit wie immer: Skitragen ist entspannend und tut nicht weh.
Seltener Anblick. Kühtai-Pass-Selfie wie für die bereits massenhaft anwesenden Radlfahrer und Motorradfahrer üblich.
Windrichtung und Windstärke für den 03.05. auf 3000m.
An diesem Tag besonders interessant: Auf dem Gipfel auf 2800m gab es kalten NW-Wind, aber nicht allzu stark. Wie gesagt: Tendentiell wird der Wind im Frühjahr schwächer, das muss nicht immer der Fall sein.
… später sind weiter in der Höhe Wolken durchgezogen – mit einem mords Tempo. Die Quellwolken um die Gipfel bis etwas über 3000m sind gleichzeitig allerdings ganz ruhig stehen geblieben. Oft gibt es innerhalb weniger hundert Meter Höhenunterschied massive Unterschiede in der Windstärke und -richtung. Hier die Windstärke zum selben Zeitpunkt auf 5500m. Violett-blau entspricht 60 Knoten, das sind deutlich über 100 km/h
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8 Gedanken zu “03.05.2020 | Frühjahrspulver vom Feinsten Quarantäne-Aus, Skitouren-Traum

  1. Lieber Lukas,
    wie immer sind Deine Berichte sehr erfreulich udn infroamtiv zum Lesen.
    Gibt es dieses Jahr wieder einen ähnlichen Schnee-Report Bericht wie letztes Jahr? Oder kannst du sagen im Vergleich zu letzes Jahr, wo in verschiedenen Sektoren die geschlossene Schneedecke bis auf 2000m reichte, wie es dieses Jahr im Sellrain ausschaut? Habe auf einem Deiner älteren Berichte gesehen, dass es Winter gegeben hat, wo man bis Juli sinnvoll Schitouren gehen konnte. Ist diese Zeit dieses Jahr im Sellrain schon vorbei?

    Beste Grüße
    Aleksander

  2. Hast Du es gut. Ich könnte zwar jetzt rein – muss aber dann 14 Tage in der Wohnung hocken.

    Ja…..ich überlege es.

  3. Super Bericht wieder mal!

    Wie siehst du momentan die Gefahr von Lawinen? War am selben Tag am Lüsner Spitzl, zwei kleine Rutsche wurden von Skifahrern in den Rinnen links vom Gipfelhang ausgelöst. Eine konnten wir beobachten. Beide Skifahrer konnten ausfahren. Sind das einfach nur Lockerschneerutsche die eig nicht sonderlich gefährlich sind (weil klein) oder doch weiterhin zu beachtende Lawinenprobleme?

    • Hallo Daniel,

      das sind noch zu beachtende Lawinenprobleme. Vor allem nach Neuschnee im Frühsommer gibt es immer wieder Situationen, wo man recht wahrscheinlich Schneebrettlawinen auslösen kann. Meist ist das nur ein paar Stunden am ersten Schönwettertag nach Schneefall ein Problem, solange der Pulver noch nicht gesetzt ist. Dann handelt es sich um ein reines Triebschneeproblem mit Pulverschnee als Schwachschicht Am 03.05. war das Triebschneeproblem hochalpin und kammnah recht stark ausgeprägt: Sehr tiefe Temperaturen, Wind und Neuschnee.
      Vor allem hochalpin und im Frühjahr bilden sich nach Neuschnee oft auch aufbauend umgewandelte Schwachschichten durch Gefahrenmuster 4 „Kalt auf warm“. Da die Schneeoberfläche in der Regel warm und feucht ist, entsteht bei kaltem Neuschnee ein massiver Temperaturgradient. Dadurch kann sich eine giftige, für einige Tage relevante Schwachschicht bilden. Vor allem wenn man in einem gewissen Höhenband oder einer gewissen Exposition im Frühjahr vermehrt frische Schneebrettlawinen sieht, sollte man diesen Bereichen für zumindest ein paar Tage ausstellen.

      Lg
      Lukas

  4. deine kompetente Art zuberichten sowie die Bilder sind immer wieder ein Genuss für einen älter werdenden Allroundbergsteiger bzw. das Sellraingebiet liebte ich jahrzehnte wegen der Vielseitigkeit aller Touren.

  5. Hallo Lukas,

    tolle Eindrücke und ich kenne diese Tour. Bei den letzteren Fotos hast du ein Foto ins Netz gestellt, wo 2 Skifahrer im extrem steilen Gelände abfahren. Sind nicht justament an diesem Tag im Stubaital und am Zwieselsbacher Roßkogel die Lawinen abgegangen?

    Liebe Grüße,
    Maria Meister

    • Hallo Maria,

      ja, genau. Ich hätt mich das an dem Tag auch nicht getraut. Es war halt der klassische, erste Schönwettertag nach Neuschnee, Wind und Kälte.

      Lg
      Lukas

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