SKYMAN Sir Edmund: Erfahrungsbericht | Single-Skin Gleitschirm

SKYMAN Sir Edmund: Erfahrungsbericht | Single-Skin Gleitschirm

Ausgangssituation

Auch als Einsamkeitsflieger ohne große Kontakte zur Szene oder einem Verein ist man um das Gemunkel um Markus Gründhammer und seine Single-Skin Testflüge im Nachbartal nicht herumgekommen. Nachdem ich seit nunmehr sechs Jahren auch mit dem Paragleiter unterwegs bin, bis dato aber immer von den mäßigen Starteigenschaften meines leichten LTF-A Schirms und vor allem durch sein Packvolumen massiv am Berg „behindert“ wurde, habe ich seit Winterende nach reiflicher Überlegung einen Skyman Sir Edmund 17 zu meinem Bergschirm auserkoren – und vorweg: ich würde wieder einen kaufen.

Wer einmal mit Markus Gründhammer, dem Entwickler dieser Dinger, gesprochen hat, der weiß, dass dieser Mann mit Herz und Seele das betreibt was er am besten kann: Fliegen & sich darüber den Kopf zerbrechen wie man es noch besser machen kann. Für mich ist es von hohem Stellenwert, wenn ich mit einem „Verkäufer“ ganz normal wie im Alltag sprechen kann. Ohne andere Gleitschirmentwickler zu kennen, weiß man bei Markus sofort, dass er das Optimum aus Theorie & Praxis mit Schwerpunkt auf zweiterem verbindet. Das heißt für mich: Ein theoretisch fundiertes Hintergrundwissen kombiniert mit einer Unmenge an (meistens reflektierter) Erfahrung findet sich in seinem Dossier. Denn egal in welchen angewandten Sportart – schlussendlich zählt immer die Praxis. Ein möglichst guter Output basiert auf den theoretischen Hintergründen die ständig in Wechselwirkung mit der Realität stehen. Ein großes Problem vieler Bergsportler, Flugsportler oder Lawinenmanager – zu denen wir alle im winterlichen Gebirge zählen – ist die Einseitigkeit: Das Verhältnis von Theorie zu Praxis ist bei fast allen massiv auf eine Seite verschoben. Damit stagniert der effektive Output der Sportler auf einem extrem niedrigen Niveau. Oder einfach gesagt: Ich kann hunderte Lawinenaufsätze lesen und werde doch nie gutes Lawinenmanagement betreiben können da mir die Praxis fehlt vs. ich kann hunderte Skitouren über Jahrzehnte gehen und werde doch niemals gutes Lawinenmanagement betreiben können da mir die Hintergründe fehlen.

So spielt sich das bei den meisten Aktivitäten im Gebirge ab, wie auch beim Fliegen: Das beste Ergebnis erhält man meiner Meinung nach, wenn man mit der Materie verschmilzt: Das heißt fundierte Theorie mit noch mehr Praxis verknüpft. Das habe ich beim Skyman jedenfalls erkannt…

Erfahrungen

Pilot

Ich bin weder ein ambitionierter Pilot (dafür noch höher ambitionierter Skifahrer ;-) noch ein erfahrener Flieger, die folgenden Zeilen stellen lediglich einen Erfahrungsbericht aus der Sicht eines Gelegenheitsfliegers dar, der ausschließlich auf Hike&Fly Touren unterwegs ist und nur ein oder zwei mal im Jahr kurz in der Thermik kurbelt.

Haptik + technische Daten

Erster Eindruck: Verdammt, schauen die Tragegurte filigran aus! Nachdem wir aber in der Bergrettung Tirol seit Jahren mit Dyneema-Material gute Erfahrungen gemacht haben, hatte ich auch für Flugzwecke keine Bedenken – obwohl es anfangs schon gewöhnungsbedürftig wirkt. Der Schirm selbst fühlt sich sehr „soft“ an und glänzt auffällig was an der Beschichtung des Dominico D10-Tuches liegt. Das Tuch hat ein Flächengewicht von ca. 25g/m² – „D10“ bezieht sich auf die eingewebten Streifen. Der 17er hat ein Gesamtgewicht von 1 1/2 kg (!) und ist damit einer der leichtesten, zugelassenen Schirme, die es derzeit überhaupt gibt. Die ausgelegte Streckung beträgt 5,24. Die Grundgeschwindigkeit ist etwas höher als die der meisten A-Schirme.

Hike

Was mir taugt, ist das geringe Packvolumen in Verbindung mit dem String RS. Man hat damit einen normal-großen Wanderrucksack mit und noch genügend Platz für alle Utensilien die man im Sommer am Berg braucht: Wasserflasche, Wechselkleidung, Erste-Hilfe-Paket, Notfallpaket, Spiegelreflexkamera, Jacke, Helm, Riegel. Dadurch kann man auch problemlos Grate aufsteigen, leichte Klettertouren begehen oder mehrere tausend Höhenmeter Aufstieg am Tag zurücklegen und nach jedem Gipfel entspannt zum Ausgangspunkt des nächsten Aufstiegs abgleiten.

Start

Der Sir Edmund öffnet sich bereits bei einem minimalen Impuls und bleibt sofort zuverlässig über dem Piloten stehen. Es gibt nur drei Zellen (1 Mittig, 1 jeweils links und rechts) die sich füllen müssen

Das Leinen sortieren fällt bei Wind am Boden etwas schwer: Durch das geringe Gewicht bleibt die Kappe naturgemäß bei einem leichten Hauch nicht am Boden liegen. Leinen sortieren bleibt am angenehmsten nach dem Hochziehen des Schirms. Der Sir Edmund lässt sich, wie von allen Ecken und Enden zu vernehmen, extrem einfach und unbeschwert starten, neigt nur wenig zum Überschießen und bleibt souverän über dem Piloten stehen. Am Boden halten kann man den Single-Skin am besten mit den hinteren Tragegurten statt den Bremsen. Es gibt nur drei Zellen, die sich mit Luft füllen müssen. Im gesamten sind die Starteigenschaften für Hike&Fly Aktionen einfach nur der Hammer: Leichter Ruck, Aufschießen, ruhig über dem Piloten stehen bleiben und Abflug. Echt ein Wunder gegen einen trägen Einsteigerschirm, vor allem bei kleinen Startplätzen und schwierigem Gelände!

Fly

Zuerst fällt ein leises, durchgehendes Surren der Flügelenden auf und macht einen wieder bewusst, dass man keinen „normalen“ Gleitschirm über sich stehen hat. Er verhält sich in der Luft trotzdem sehr ähnlich wie ein normaler Gleitschirm vergleichbarer Klasse. Kleine Einklapper kommen beim Sir Edmund weniger oft vor. Das String-Gurtzeug zwickt beim Start und bei der Landung im Schritt, aber Dyneema-Reepschnuren mit wenigen Millimeter Durchmesser sind halt keine breiten Beinschlaufen. Die Leistung ist sehr gut doch natürlich nicht überwältigend.

Vor allem bei Gegenwind sackt man wortwörtlich in den Keller, dies sollte man jedenfalls immer beachten. Beim Kurvenflug durch Anbremsen verliert man ebenfalls wesentlich schneller an Höhe als gewohnt. Im Vergleich zu meinem A-Schirm ist der Sir Edmund in der Steuerung direkter, nickt kaum, wirkt allerdings genau gleich stabil. Die Dämpfung fällt naturgemäß geringer aus.

Landung

Das Flaren – also das gezielte Anbremsen kurz vor der Landung zur kurzweiligen Reduktion der Sinkgeschwindigkeit vor dem Aufsetzen – ist mit einem Single Skin nicht möglich. Der Zug an den Bremsleinen führt unmittelbar zu einer höheren Sinkgeschwindigkeit. Deshalb soll man einen Single Skin erst unmittelbar während bzw. beim Aufsetzen abbremsen. Bis dato hatte ich so keine ruppigeren Landungen als mit meinem herkömmlichen Schirm – nur die Landegeschwindigkeit ist doch merklich höher. Wenn man das spätere Abbremsen beachtet und schneller mitläuft, landet sich der Sir Edmund problemlos.

Fazit

Der Sir Edmund ist ein gewaltiges Teil für Hike/Climb/Ski/Berg/z’fuaß-auchn-Aktionen. Man wird am Berg mit dem winzigen Wendegurtzeug nicht mehr als Gleitschirmpilot erkannt! Die Kombination aus der hohen Flugstabilität, der einfachen Handhabung, dem Packmaß, dem Gewicht und vor allem den gewaltigen Starteigenschaften steht für meine Zwecke weit über dem großen Nachteil des Leistungseinbruchs bei Gegenwind. Stärkere Talwinde bzw. anderweitige, starke Gegenwinde vermeide ich möglichst – damit ist der Sir Edmund genau das, was ich gesucht habe und falls ich mich doch noch in die Thermik verirre, steht der A-Schirm zu Hause bereit.

Vorteile

+++ Starteigenschaften

++ Packvolumen & Gewicht

+ Stabilität bei unruhiger Luft, vor allem in Bezug auf Nicken

+ einfaches Groundhandling

Vergleich leerer 30l-Airbag-Rucksack, gefülltes Skyman String RS und herkömmliches Hike&Fly Wendegurtzeug ungefüllt (String RS gefüllt mit Gleitschirm + 1l Wasser + Jacke, Hose, Mütze, Handschuhe + Spiegelreflexkamera + EH-Paket + Notfallset)

 

Nachteile

— starker Leistungseinbruch bei Gegenwind oder in unruhiger Luft

– bei stärkerem Wind am Startplatz: naturgemäß sehr unruhig solange er sich noch am Boden befindet

 

bei Single-Skins zu beachten

! keinesfalls bei der Landung zu früh abbremsen

! starker Leistungseinbruch bei Gegenwind, Beschleuniger bringt relativ wenig

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