Anstößige Flurnamen im Sellrain und darüber hinaus | #DahoamimSellroan Von der Scheißgrube bis zur Zipfelklamm

Anstößige Flurnamen im Sellrain und darüber hinaus | #DahoamimSellroan Von der Scheißgrube bis zur Zipfelklamm

Lesezeit: 7 min

In den Alpen herrsch(t)en in vielen Tälern deutlich rauere Umgangsformen als in urbanisierten Gebieten. Zumindest auf den ersten Blick. Auch im Sellrain werden von Jung wie Alt Worte verwendet, die Auswertigen sehr suspekt oder grob erscheinen. Aber auch Flurnamen zeugen von der häufig freizügigeren Wortwahl. Eine Suche in diversen Bergsteigerkarten…

Die Scheißkluppe südöstlich von St. Sigmund

Das Westliche Mittelgebirge – das Tiroler Königreich des rauen Umgangstons

Im Mittelgebirge rund um Axams ist es üblich, dass man sich noch freundschaftlich mit „Hoi, Schwein!“ grüßt. Aber auch in anderen Teilen Tirols ist „der Schwein“ eine recht übliche Bezeichnung für eine andere, männliche, befreundete Person. Interessant: „Schwein“ wird ausschließlich mit männlichem Artikel verwendet – und das meist in einem positiven Bezug.

Das Tier Schwein wird in Tirol seit jeher als „Fåck“ bezeichnet. Das bedeutet, wenn man jemanden „der Schwein“ nennt, ist es zumindest neutral, meist sogar positiv zu werten. Wenn man zu jemandem „Fåck“ sagt, entspricht dies dem hochdeutschen, abwertendem Schimpfwort „das Schwein“.

„Die Weiberleit“ = wertneutral gleichzusetzen mit „Die Frauen“

Für Menschen aus weiter entfernten Regionen klingt es auch sehr befremdlich, wenn man von „das Weibetz“ und „die Weiberleit“ spricht. Wobei sich bei uns einfach die alte Bezeichnung für „Frau“ wertneutral halten konnte und in keineswegs abwertendem Sinn nach wie vor verwendet wird – während die Bezeichnung im sonstigen, deutschen Sprachraum mit der Zeit einen abwertenden Sinn erhielt.

Ein weiteres Beispiel für nach außen hin eigenartig anmutende Worte ist die in weiten Teilen Tirols und Kärntens übliche Grußwort „Heil“ oder „Heile“. Unwissende rollen dabei oft die Augen. Fakt ist, dass es dies in unserer Gegend bereits lange Zeit vor der Sprachvergewaltigung im Nationalsozialismus gab und Einheimische dies in keinster Weise damit in Verbindung setzen. Auch das „Berg Heil“ stammt nicht aus der Nazizeit und wird darum noch völlig wertneutral zwischen Bergsteigern am Gipfel gewünscht.

Karten – nicht nur zur Tourenplanung sondern auch eine geschichtliche Sammlung alter Flurnamen

Flurnamen sind häufig Jahrhunderte alt und werden von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Dabei sind auch alte Bezeichnungen die heute nicht mehr gebräuchlich sind. Die Flurnamen in der Sellrainer Alpenvereinskarte stammen teilweise noch aus dem 18. Jahrhundert und wurden bereits von Peter Anich aufgenommen – einem der besten Kartografen seiner Zeit der am Taleingang in Oberperfuss aufwuchs. Anich schuf unter anderem die erste, detailreiche Karte von Tirol – den Atlas Tyrolensis.

Das Sellraintal im Atlas Tyrolensis von 1774. Das gesamte Werk gibt es hier als hochauflösende Bilddatei.

So bezeichnet eine „Huat“, eine „Ezze“ oder „Sömen“ eine Weidefläche. Ein „Hog“ ist eine Fläche wo sich das Vieh oft aufhält. Heute kennt man die Bezeichnungen noch versteckt in den Sellrainer Gipfeln „Freihut“ oder am „Sömen“. Vielen Einheimischen inzwischen unbekannt sind die Bezeichnungen „Baffl“ für Wasserfall, „Neader“ für Schattseite, „Wurm“ für Schlange, „Reichen“ für unwegsame Bergflanken, „Kampl“ für Gebirgskamm oder „Buwald“ für ehemalige Bannwälder wo man nichts holzen durfte – um einige Beispiele von Flurnamen rund um St. Sigmund zu nennen.

Anstößige Flurnamen

Für Touristen wirken unsere Umgangsformen mitunter befremdlich, grob und rau. Lustiger oder interessanter wird es, wenn man während seiner Tourenplanung auf Namen in Karten stößt, die man dort nicht erwartet hätte.

So gibt es nördlich der Flaurlinger Scharte eine „Scheißgrube“, in der St. Sigmunder Neader eine „Scheißkluppe“, oberhalb von Praxmar den „Roßfurz“ und im Windachtal bei Sölden ein „Scheißkar“. Zumindest in St. Sigmund stammt der Name der Scheißkluppe mit Sicherheit von der engen Schlucht die ausschaut als ob sie gut anstatt eines Plumpsklos verwendet werden könnte.

Die „Scheißgrube“ im Flaurlinger Tal in den nördlichen Sellrainer Bergen.
… und auf der Alpenvereinskarte Blatt Sellrain samt der „Weiberleslacke“
Der Roßfurz unterhalb des Praxmarer Grieskogels
Die Scheißhäusl-Grube…
Das Scheißkar im Windachtal bei Sölden
Der „Fackeler“ in der Nähe der Stubaier Gletscher Talstation. Die Bezeichnung steht normal für einen ekligen, unhygienischen Menschen.
Nicht weit davon entfernt „Jaggler Scheaßle“ was eigentlich so viel heißt wie „Jakobs Schoß“.
Das „Arschloch“ und der „Arschwald“ bei Namlos im Außerfern. Das dürfte eher auf das Aussehen der Geländeformation oder aber auf die schlechte Begehbarkeit derselben hinweisen.

Daneben gibt es noch eine Reihe anderer Flurnamen die – sofern man Dialektsprecher ist – nicht richtig erkannt werden könnten

„Fotze“ heißt bei uns abwertend „Mund“, oder „Maul“

 

Der König der anstößigen Flurnamen ist allerdings die oberösterreichische Gemeinde Fucking. Auf Deutsch ursprünglich nichtssagend, auf Englisch auffällig und anstößig. 2020 wurde der Ort wegen wiederkehrenden Diebstahls der Ortstafel auf „Fugging“ umgetauft.

Vielen Dank an Patrick Ribis für die Screenhots und Infos!

 

 

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5 Gedanken zu “Anstößige Flurnamen im Sellrain und darüber hinaus | #DahoamimSellroan Von der Scheißgrube bis zur Zipfelklamm

  1. Passt nicht ganz dazu, aber der Trinkerkogel ist auch ein interessanter Name, zumindest für die die gern mal einen heben….
    VG Stefan

  2. super bericht schwein, bisch holt a bärige focka a!!!
    af da karten 1774 gibt es keine nockspitze, also ein erfundener name, wia i es seit je her vertrete !!!

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