Die hinterfotzige Wechte am Hohen Seeblaskogel | Sellrainer Berge Inside 16 Großer Sicherheitsabstand empfohlen

Die hinterfotzige Wechte am Hohen Seeblaskogel | Sellrainer Berge Inside 16 Großer Sicherheitsabstand empfohlen

Lesezeit: 6 Minute(n)

Wechten sind eine der gefährlichsten Erscheinungen im winterlichen Hochgebirge. Sie bilden sich in erster Linie in hohen und hochalpinen Lagen. Der Wind weht dort stärker, beständiger aus der gleichen Richtung und vor allem viel, viel länger anhaltend als an den tiefer gelegenen Bergen.

Der Gefahrenbereich für einen Wechtenbruch liegt immer im Bereich der Gratkante bis sogar einige Meter dahinter!

Die Einschätzbarkeit und oft auch die Erkennbarkeit von Wechten liegt in etwa auf dem Level des Altschneeproblems in Sachen Lawinengefahr. Kaum ein Winter vergeht, in dem es in den Alpen keine Todesfälle durch einen Wechtenbruch gibt. Viele bekannte Bergsteiger wie beispielsweise Hermann Buhl sind durch Wechtenbrüche umgekommen. Und fast alle ambitionierten Winterbergler haben schon Erfahrungen mit dem „Wechtenproblem“ hinter sich sobald sie einige Jahre im Gebirge auf dem Buckel haben. Sei es, eine Wechte erst nach dem Überqueren von der anderen Seite zu erkennen und froh zu sein, dass sie gehalten hat. Oder auch dem Tod – nicht nur metaphorisch – mit einem Sprung zu entkommen während eine unerkannte oder falsch eingeschätzte Wechte unter einem abbricht.

Wechten im Sellrain

Auch im Sellrain sind Wechten – nonanet – eine alltägliche Begegnung im winterlichen Gebirge. Meist erkennt man sie bereits von weitem. Als junger Bergsteiger lernt man von alten Hasen oder in einem Alpinkurs schnell, wie man mit ihnen umzugehen hat und weicht ihnen meist großräumig aus.

Aber wenn man Wechten nicht erkennt oder nicht erkennen kann, handelt es sich um ein noch größeres und noch schwieriger einzuschätzendes Problem als das Altschneeproblem in Sachen Lawine. Man läuft ohne einen Gedanken daran in sein Verderben. Daneben schätzt man auch nach jahrzehntelanger Alpinerfahrung die Bruchzone einer Wechte sehr, sehr häufig falsch ein. Eigentlich fast immer!

Durch die Zugkräfte und die Gewichtsverteilung bricht eine Wechte fast immer parallel zum Leehang- nicht im 90°-Winkel zum Grat.

Die Problemwechte am Hohen Seeblaskogel

Am Anstieg zum Hohen Seeblaskogel finden wir eine solch hinterfotzige Wechte. Knapp östlich unterhalb des Gipfels entsteht in jedem Winter eines dieser mächtigen Schneegebilde. Sie ist etwa 70 Meter breit, teilweise über 10 Meter hoch und hängt von Süd nach Nord über der Nordwand des Hohen Seeblaskogels.

Die Nordwand des Seeblaskogels mit der problematischen Wechte
Am Anstieg zum Hohen Seeblaskogel kurz unterhalb des Gipfels. Die Wechte befindet sich zwischen den beiden Pfeilen. Der Bereich ist unmöglich als „überwechtet“ zu erkennen.

Das Problem: Kommt man über den Normalanstieg vom Westfalenhaus oder der Winnebachseehütte hinauf zum Grünen-Tatzen-Ferner der sich in der Mulde unterhalb des Gipfels befindet, ahnt man zu keinem Zeitpunkt dass sich oben am Grat eine große Wechte befindet. Erst auf den letzten Metern zum Kreuz erkennt man die Wechte am Grat – die man womöglich wenige Minuten vorher selbst viel zu weit an der Kante überquert hat.

Da man direkt von Süden aufsteigt und die Wechte direkt nach Norden steht, sieht man sie einfach nicht. Erst dann, wenn man bereits am Gipfel steht. Man kommt an keinem Punkt des Aufstiegs seitlich versetzt zur Wechte zu stehen von wo aus man sie zumindest erahnen könnte.

Auch knapp unterhalb des Gipfels lässt sie sich nicht einmal annähernd erahnen.

Durch diese Ausgangssituation ist der Seeblaskogel und seine Wechte immer wieder im Gespräch bei den talheimischen Bergsteigern. Doch wie geht das Gesetz von Murphy:

Alles was schiefgehen kann, wird irgendwann auch schiefgehen.

Am 19.03.2019 wurde die Wechte einem erfahrenen Paar zum Verhängnis. Wie Unfälle oft passieren, war nicht nur die hinterfotzige Wechte ein Grund dafür – sondern auch sehr schlechte Sicht durch Nebel. Die Wechte brach, eine begeisterte Bergsteigerin und Skitourengeherin verlor durch den Absturz über die Nordwand ihr Leben. Ihr Ehemann konnte sich noch knapp an den Rand mit einem Sprung retten.

Bereits 1982 ist ein junger Mann hier ähnlich ums Leben gekommen.

Darum der eindrückliche Appell:

Bitte am Hohen Seeblaskogel immer etwa in Fallinie zum Kreuz mit deutlichem Abstand zum Ostgrat aufsteigen. Niemals von rechts nach links hinaufziehen!

Bitte so nicht!

Der tödliche Wechtenbruch vom 19.03.2019

Resümee

Wechtenbruch 1997 am Übergang vom Südgipfel zum Nordgipfel der Wildspitze. Niemand wurde mitgerissen.

Wechten sind Schweine. Dort wo man sich – egal wie viel Erfahrung und Können man aufweist – schon sicher fühlt, ist man häufig noch bei weitem nicht sicher. Vom ersten Punkt von wo man von keiner Gefahr mehr ausgeht, muss man im Grunde immer noch einige Meter weiter versetzt zur Kante gehen. Der sichere Bereich ist oft so weit weg von der Kante, dass man sich schon weit im Hang darunter befindet wo man meist einfach nicht gehen kann, will.

Auch das beste Risikomanagement greift bei Wechten oft nicht weil man sie so schlecht einschätzen und oft auch schlecht erkennen kann. Damit gehören sie für mich zum Restrisiko am Berg. Gleich wie überraschende gm.4-Schwachschichten, eingeschneiter Oberflächenreif durch den Nigg-Effekt oder fremdausgelöste Lawinen. Gleich wie Steinschlag. Gleich wie Einbrechen in Gestrüpp, Latschen oder ein anderes Loch und kopfüber nicht mehr rauszukommen. Gleich wie daheim über die Stiege zu stolpern und sich das Genick zu brechen. Man kann das Restrisiko minimieren – aber niemals ausschalten.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem Witwer von Susanne. In der Hoffnung dass ihr Tod zukünftig ähnliches an diesem Berg verhindern kann.

Bergundsteigen-Artikel zum Thema Wechten.

Ein anderer Unfall durch Wechtenbruch im April 2015.

Share Button

4 Gedanken zu “Die hinterfotzige Wechte am Hohen Seeblaskogel | Sellrainer Berge Inside 16 Großer Sicherheitsabstand empfohlen

  1. Danke Dir Lukas und dem Betroffenen für diesen äussert sensibilisierenden Bericht.
    Damit werd ich zukünftig mein Schutzengal nicht mehr bemühen. Herzlichen Dank Euch beiden.

    Karin

  2. Lieber Lukas,

    danke für die anschaulichen Erklärungen von Dir und Deinem Co-Autor. Susanne wird uns fehlen. Aber jeder, der das hier liest, wird sich genauer überlegen, wie mit Wechten umzugehen ist.
    Liebe Grüße
    Barbara

Schreibe einen Kommentar

*