15.3.2017 | Orient Express | Historische Sellrainer Skitourenrunde

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„Der Orient-Express war ein Luxuszug der erstmals am 1883 verkehrte. Er verband Paris mit Konstantinopel. Der oft als König der Züge bezeichnete Zug war Kernelement eines ganzen Systems von Luxuszügen, die vor allem der Verbindung von Paris und den Kanalhäfen mit verschiedenen Zielen in Mittel- und Osteuropa sowie auf dem Balkan dienten.“

Der Orient-Express ist eine Luxus-Skidurchquerung die vermutlich erstmals in den 1960ern oder 1970ern im Gespräch war. Er verbindet Gries im Sulztal (Seitental des Ötztales) mit der Ortschaft Mutters bei Innsbruck. Er ist bei der alten Riege der einheimischen Tourengeher noch wohl bekannt und war die Prestige-Tour für alle ambitionierten Tourensportler. Das Ziel seit jeher: Die Strecke von Winnebach (Ortsteil Gries im Sulztal) über den Breiten Grieskogel, 3287m – Winnebachjoch – Winnebacher Weißerkogel, 3185m – Rosskarscharte – Gleirschtal – Zischgeles, 3005m – Praxmar – Roter Kogel, 2834m – Fotschertal – Schaflegerkogel, 2405m – Kemater Alm – Hoadl, 2340m – Lizum – Birgitzköpfl, 2035m – Gasthof Lärchenwald bei Mutters in unter 24 Stunden hinter sich zu bringen.

Warum er Orient-Express getauft wurde, ist mir nicht bekannt. Vermutlich, weil die gleichnamige Zugverbindung damals noch wohl bekannt war und man bei der Skirunde ebenfalls eine große Strecke zurücklegt und sie von West nach Ost verläuft. Der Orient-Express ist die größte Expansion des Fotscher-Express und die mir durch Überlieferungen weiteste, bekannte, eintägige Skidurchquerung. Blicken wir weiter über den Tellerrand hinaus, so steht sogar die Große Reibn der Berchtesgadner weit hinten an – vor allem bezüglich zurückgelegter Höhenmeter und Höhe der Gipfel. Einige Sellraintaler und Tiroler Urgesteine haben diese Runde in ihrem Tourenbuch stehen. Als ich vor einigen Jahren die Geschichte von der Begehung meines Vaters gelauscht habe, war ein Projekt solcher Größe als Tagestour noch in unendlicher Ferne. Nun, jetzt steht er auch in meinem Tourenbuch…

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Mein Bruder fährt mich in aller Herrgottsfrüh fast eine Stunde nach Gries im Sulztal und ich trage von Winnebach startend die Ski ein paar Minuten bevor ich auf einer stark vereisten Spur Richtung Winnebachseehütte weiterkomme. Begleitet von meinem Mondschatten, mit Blick zu Seeblaskogel und Sternenhimmel, komme ich auf einer sehr gut gelegten Spur zum Breiten Grieskogel – erlebe aber noch kurz vor dem Gipfel einen traumhaften Sonnenaufgang. Oben bläst eiskalter Nordostwind der einen hauchdünnen Wolkenschirm nur etwa 30 Meter über den Gipfel streichen lässt – bestes Kinoerlebnis mit Surround-Effekten. Die Stimmung am Anstieg und am Gipfel war schon einmalig.

 

Fernerkogel, Rotgratspitze, Lüsener Spitze
Fernerkogel, Rotgratspitze, Hoher Seeblaskogel

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links die Villerspitzen
links die Villerspitzen, Sonne exakt über dem Fernerkogel

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Blick in die Südlichen Ötztaler
Blick in die Südlichen Ötztaler

Die Abfahrt bietet windverpressten, meist tragenden Schnee und ab dem Zwieselbachjoch wilden Schmelzbruchharsch – aber das hatte ich ja erwartet. Nur mit dem leichten 75mm Ski ist das ganze nicht so toll. Weiter geht’s zum Winnebacher Weißerkogel über das Winnebachjoch, eine Spur ist großteils vorhanden und ich stehe nach einer kurzen Abfahrt am Fuße der Rosskarscharte. Für den kurzen Anstieg zur Scharte brauche ich die Steigeisen nicht, er wurde vor kurzem angespurt und ich habe gute Tritte.

am Winnebachjoch
am Winnebachjoch

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heute wellige Bedingungen in der Luft
heute wellige Bedingungen in der Luft
Winnebacher, rechts Breiter Grieskogel
Winnebacher, rechts Breiter Grieskogel

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Blick zur Rosskarscharte
Blick zur Rosskarscharte

 

Anstieg Rosskarscharte
Anstieg Rosskarscharte

Die Ausfahrt durch das Gleirschtal bietet einige Pulverschwünge, dafür kann ich ein paar hundert Höhenmeter auf den Zischgeles hinaufspuren. Ich mache über eine Stunde Pause am Zischgeles weil ich ob der gewaltigen Bedingungen viel früher oben bin als mit meinem Rendezvous abgemacht.

Rosskarscharte, Blick durch Gleirschtal hinaus
Rosskarscharte, Blick durch Gleirschtal hinaus – Zischgeles rechts.
Gleirscher Ferner
Gleirscher Ferner
Anstieg zum Zischgeles
Anstieg zum Zischgeles
gleich am Zischgeles
gleich am Zischgeles
Zischgeles
Zischgeles

 

Blick zurück, v.l. Rosskarscharte, Winnebacher, Breiter Grieskogel
Blick zurück, v.l. Rosskarscharte, Winnebacher, Breiter Grieskogel. Oberhalb des Horizonts Wellen über Wellen.

 

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Gut ausgerastet geht es über das Sattelloch – durch das Kamplloch traue ich mich wegen des Altschneeproblems noch nicht durch – bei wechselnden Schneebedingungen nach Praxmar. Dort warten mein Onkel und mein Bruder mit einer Gerstlsuppe. Weiter geht’s vom Talboden teils im Aperen, großteils im Sulz auf einer wiederum guten, ausgeglichenen Spur auf den Roten Kogel. Dafür hatte ich auf den letzten paar hundert Höhenmetern mit Stollenbildung zu kämpfen.

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Kamplloch

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zur Abwechslung ein etwas verstörender Blick auf den Fernerkogel
zur Abwechslung ein etwas verstörender Blick auf den Fernerkogel

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Zischgeles von der anderen Talseite
Zischgeles von der anderen Talseite aus

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wie gesagt: heute wellig
wie gesagt: heute wellig
Vom Roten Kogel Richtung Habicht
Vom Roten Kogel Richtung Habicht
Roter Kogel
Roter Kogel

Ich halte mich nur ganz kurz am Roten Kogel auf – es bläst eisiger Nordwind – und genieße wiederum Pulver und weiter unten Bruchharsch bis in den Talboden des Fotschertales. Weiter komme ich über die Furgges-Alm und wiederum schöner Spuranlage auf den Schaflegerkogel, hier hatte ich allerdings ein massives Tief. Es zieht meist ein dünner Wolkenschirm von Norden durch der die Sonne abschattet und die Temperatur am Nachmittag auf den Westhängen auf angenehmem Niveau hält.

Auffellen zum Schafleger
Auffellen zum Schafleger
am Schafleger, Blick zum Hoadl
am Schafleger, Blick zum Hoadl
Schafleger
Schafleger
Blick zurück zum Roten Kogel
Blick zurück zum Roten Kogel

Bei der Abfahrt vom Schafleger  ins Senderstal gibt es fast nur übelsten Bruchharsch und ich bin nur in großen Abständen hin- und hergerutscht – Kraft verschießen wollte ich keine mehr. Bei der Kemater Alm durfte ich mir noch warmes Wasser holen und zum Hoadl rauf hatte ich eine frische Aufstiegsspur vom Nachmittag die noch nicht gefroren war und damit auch noch nicht rutschig – sehr angenehm. Beim Hoadlhaus war es schließlich stockdunkel, die Abfahrt über die Piste noch nicht gefroren.

Das Date in der Lizum war dann besser getimt und die letzten 400hm konnte ich mit charmanter Begleitung hinter mich bringen. Nach 17 Stunden und 13 Minuten waren wir schließlich nach einer letzten Abfahrt mit tollem Pistenfirn bei der Talstation der Muttereralmbahnen und ich hab mich noch erstaunlich gut gefühlt.

in der Lizum
in der Lizum
Jetzt geht's nur mehr bergab.
Jetzt geht’s nur mehr bergab.

 

Der Orient Express ist einfach eine traumhafte Runde quer durch die Stubaier Alpen. Da ich wieder die Uhr am Rucksack mit Akkupack hängen hatte, habe ich einen vollständigen GPS-Track und gute Übersichtsbilder:

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Ausgerechnet habe ich vor der Runde 6020hm mit etwa 25-30 Aufstiegskilometern und einen Zeitbedarf mit Polster von 22h. Ich habe im Gleirschtal schon früher aufgefellt als geplant und mir so auf den Zischgeles etwa 150hm gespart. Laut Uhr waren es 5860hm und 58,7km – also passt das mit den gerechneten Höhenmetern aus der Karte zusammen. Aufstiegskilometer dürften es also nur knapp über 25 sein, da man mehr abfährt als aufsteigt. Im Video zeigt die Uhr am Birgitzköpfl nur 5830hm weil ich erst ein paar Minuten nach Start in Winnebach GPS-Empfang hatte. So flott hinter mich bringen konnte ich die Runde, weil ich vom Hochwinter immer Ski mit 90 – 100mm Mittenbreite gewohnt bin und für die extraweiten Touren nur den Transalp75 in 169cm mit einem gut eingegangenen Fell verwende, also die Muskulatur was wesentlich schwereres gewohnt ist, außerdem musste ich nur vom Gleirschtal auf den Zischgeles raufspuren und konnte sonst schöne Spuren nutzen & die Temperatur war im optimalen Bereich zum Aufsteigen. Wenn wir unser Rendezvous am Zischgeles besser zeitlich abgestimmt hätten, wären sich sogar 16 1/2 Stunden ausgegangen bei diesen perfekten Bedingungen. Interessant wäre, wieviele die Runde schon allein gemacht haben und wann sie zum letzten Mal vollständig gemacht wurde.

Immer wieder faszinierend für mich: wie schnell man sich bei den Skirunden im Winter während der Abfahrten wieder erholt – bei den weiten Runden im Sommer zehren die Abstiege genau so wie die Aufstiege.

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wenn man den Skibelag sauber trockenreibt und die Felle unter der Jacke transportiert während der Abfahrt, kann man auch noch mit einem derart verklumpten Kleber zig mal Auffellen
wenn man den Skibelag sauber trockenreibt und die Felle während der Abfahrt unter der Jacke transportiert, kann man auch noch mit einem derart verklumpten Kleber zig mal Auffellen

 

Was mir dazu noch einfällt: Du muaschs dawarten, nit daspringen – und wenns dawartet hasch, nacha kunnschs daspringen :-)

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9 Gedanken zu “15.3.2017 | Orient Express | Historische Sellrainer Skitourenrunde

  1. Wahnsinn diese Leistung, eigentlich schon unmenschlich, gratuliere!
    Bin ein großer Fan von dir und deinen Berichten, informiere uns bitte weiter so ausführlich über dein Sellraintal!
    PS.: die Spuren ab Aufstieg Roter Kogel sind von mir, bin gestern den von dir beschriebenen Fotscher Express gegangen, hat mir leicht gereicht, am Schafzoll sollte meine Ski Brille liegen
    Hut ab und diese Leistung wird dir keiner so schnell nachmachen!!!!

    • Hallo Markus,

      der Wirt von der Kemater Alm hat mir von dir erzählt: „Da war heut schon einer da, der das macht.“

      War sehr froh, dass du die alte Spur auf’s Hoadl frisch ausgetreten hast für mich – Danke :-)

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