27.7.2016, Pistentourengehen – europaweites Konfliktpotential? Ein Lokalaugenschein am Monte Kaolino (D)

David und ich sind am 26.7. aufgrund des gradientschwachen Gammelwetters in weiten Teilen Mitteleuropas spontan in die Oberpfalz gefahren und haben unser Zelt für eine Nacht am Monte Kaolino aufgestellt. Der etwas über 100m hohe Hügel besteht aus reinem Quarzsand, der bei der dortigen Kaolingewinnung übrig bleibt.

Auf der Südseite befindet sich eine Sommerrodelbahn, zwei kleine „Lifte“, eine 35° steile Piste mit zwei gesteckten Slalomabfahrten sowie einem breiten Aufstiegsband für Fußgänger und Tourengeher. Die Reglementierungen sind liberal: Aufstiegs- und Abfahrtsgelände sind an 365 Tagen rund um die Uhr für Pistentourengeher geöffnet. Die Pisten werden nur einmal jährlich mit Seilwinde präpariert – was aufgrund der dortigen Schneequalität aber vollends ausreichend ist. Die „Alpin“skifahrer bringen einem Bewunderung entgegen – in den Alpen wird man ja meist nur gefragt, ob man sich keine Liftkarte leisten könne. Noch größer ist die Bewunderung (mögliche Gedankengänge: „Was sind das für Deppen, laufen da mit Skiern an den Füßen hoch.“) der Zuschauer des am Fuße des Monte Kaolino gelegenen Campingplatzes und Freibades: Alle, die uns angesprochen haben, haben sofort erkannt, dass wir regelmäßig Skifahren und einige fragten uns, wie das im Vergleich zu Schnee sei – sie wären noch nie auf Schnee gefahren.

Im Ernst: Eine lässige Juxpartie war’s. Aufsteigen im Sand ist wie in 10cm Pulver zu spuren. Man braucht aber keine Felle, rutscht nicht zurück, die Ski gleiten trotzdem gut im Aufstieg. Sobald man eine ausgetretene Spur hat, ist es auch wie auf einer Spur im Schnee. Am Abfahrtsband ist der Sand fester und die 35° braucht’s auf alle Fälle um anständig fahren zu können. Man fährt in leichter Rücklage und kann gut schwingen – man fühlt sich nicht hergebremst wie auf feuchtem Pulver. Laut einem Einheimischen ist der Quarzsand aufgrund seiner runden Körnung zum Abfahren besser geeignet als andere Sandarten mit Ecken und Kanten (Analogie: Abgebaut umgewandelter Schnee = eine präparierte Naturschneepiste versus Kunstschneepiste). In voller Fahrt vollständig aufzukanten geht nicht, dann bremst man so abrupt ab, dass man sich womöglich überschlägt und man immer noch Sand in den Ohren hat, wenn man wieder zu Hause sitzt und einen Bericht drüber schreibt.

Die Ski nimmt’s weniger schlimm her als befürchtet. Die Kanten sind rund, die Beläge schauen noch fast gleich aus. Einmal zum Kanten- und Strukturschliff, dann sind sie wieder wie neu. Ich hätte mir aber zum ersten mal in meinem Leben eine Rahmenbindung gewünscht: Die Kunststoffteile der Lowtech reibt der Sand komplett auf, und die Blockierfunktion sollte man nicht verwenden, sonst kommt man nicht mehr raus.

Was man draus lernt:

  1. Irgendwie konnte sich von uns keiner so genau vorstellen, ob man auf steilen Sandhängen Felle zum Aufsteigen braucht und wie sich die Abfahrt gestaltet. Da merkt man wieder, dass wir eigentlich als vollkommen unbeschriebenes Blatt zur Welt kommen und man mehr oder weniger ALLES erst lernen muss. Der wichtige Umkehrschluss: Was wir in den Bergen als gottgegeben/logisch/selbstverständlich/selbsterklärend erachten (Trittsicherheit, Jacke mitnehmen weil’s mit der Höhe kälter wird, für Skifahrer relevante Lawinengefahr korreliert praktisch nicht mit der Schneemenge, …) MUSS man eigentlich erst lernen. Bei uns läuft das meist spielerisch in der Kindheit ab und keiner sieht die Lernprozesse. Bei Erwachsenen aus dem Flachland die zum ersten mal in die Berge fahren, sieht man dann erst, wo ein Mensch steht, wenn man sich dieses Wissen und diese Fertigkeiten erst aneignen muss (bzw. weil Erwachsene weniger effektiv lernen, ein gewisses Niveau kaum mehr erreichen können). Eine Anekdote aus der Kaiserbahn in Kühtai: Hund und ich sitzen mit einer Urlauberin samt Tochter in der Gondel. Auf den Osthängen des Vorderen Grieskogels wurden am Morgen mehrere Schneebretter abgesprengt, die Anrisskanten sind wunderschön sichtbar. Die Tochter fragt ihre Mutter, was die Striche da im Schnee wären. Sie überlegen gemeinsam und kommen zum Schluss, das sind wahrscheinlich Tierspuren.
  2. Das Plusquamperfekt klingt nach wie vor schrecklich in Tiroler Ohren.

Mehr Infos zum Monte Kaolino und zu den dortigen Freizeitmöglichkeiten.

noch im Heiligen Land
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Profilerstellung
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aufgebaut umgewandelte Schichten in Oberflächennähe aufgrund der Strahlungsnächte.
aufgebaut umgewandelte Schichten in Oberflächennähe aufgrund der Strahlungsnächte.
man hat sogar eine ausgeprägte Gleitphase im Flachen
man hat sogar eine ausgeprägte Gleitphase im Flachen

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auf der anderen Seite die Kaolinindustrie
auf der anderen Seite die Kaolinindustrie
Pistentourengehen außerhalb der Betriebszeiten
Pistentourengehen außerhalb der Betriebszeiten
rechts der Aufstiegsbereich
rechts der Aufstiegsbereich

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inklusive Waschanlage
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5 Gedanken zu “27.7.2016, Pistentourengehen – europaweites Konfliktpotential? Ein Lokalaugenschein am Monte Kaolino (D)

  1. das ärgste gefahrenpotenzial sig i eher so, dass bei solchen tourenaktionen im sommer das ausziehen der tourenschuhe im Nahbereich von bis zu 500m sogar di fluign verkehrt fliagn ;-)…geile Aktion es 2 !!! :-))

    • I glab fast eher, dass da is Gefahrenpotential bei mir im Winter heacher isch, weil da Dampfdruckgradient zwischen warme, feichte Schuach zur trockenen, kalten Luft im Winter greaßer isch als im Summer. Und für mei These spricht no, dass ins die Muggn am Campingplatz decht derdengelt ham. :)

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