Fischer TRAVERS Skitourenschuh | Review

Ergänzung: Wie man den TRAVERS richtig bedient.

Jänner 2016

Fischer hat vor kurzem den TRAVERS (TRAnsalp VERSatile) bei der Outdoor Retailer in Amerika vorgestellt, für Europa erfolgt die Vorstellung bei der ISPO in München.

travers-carbon_2016

Sponsoring ist eine Art der Werbeform – eh klar. In diesem Fall fühle ich mich emotional gezwungen auch ein paar Worte zu verlieren, weil ich stark in den Entwicklungsprozess involviert war und mich in den Schuh quasi verliebt hab – und das aus guten Gründen:

Er fällt mit seinen 980g (Größe 26,5) ins – mittlerweile allgemein so bezeichnete – „Speed-Touring“-Segment. Ich bin nun in der zweiten Saison mit dem Schuh unterwegs und hatte von den ersten Prototypen bis zum Serienmodell und einigen Fremdherstellermodellen gleicher Gewichtskategorie alles an den Füßen.

Was macht den TRAVERS außergewöhnlich?

Alle am Markt etablierten und vor allem BEWÄHRTEN Technologien sind im TRAVERS vereint:

_V8A6155

  • Eine Weiterentwicklung des BOA Systems: beim TRAVERS wird das Stahlseil nun mit Pulleys aus Messing (= Umlenkrollen) gelenkt und ist kunststoffummantelt. Das garantiert einen absolut festen Sitz im Vor- und Mittelfußbereich und sorgt gleichzeitig für genug Spielraum beim Aufstieg – es gibt keine tauben Zehen weil der ganze Schuh zu eng dimensioniert ist. Eine Schnalle wie beim bisher meistverkauften Schuh der Speed Touring Kategorie bringt den Schluss nur an einem sehr schmalen Bereich, der für’s Skifahren so wichtige Fersenhalt wird hier nur durch die extrem engvolumige Bauweise annähernd erreicht und geht auf Kosten der Passform und einer geringen Leistenbreite. Ich finde es immer wieder lässig, wenn man den BOA des TRAVERS zuzieht und dabei sieht, wie sich die gesamte Schale an den Fuß anschmiegt und spürt, wie die Ferse nach hinten fixiert wird. Das bisher bekannte BOA-System ohne Umlenkrollen, das es schon seit einiger Zeit gibt, bringt keinen gleichmäßigen Schluss und zweitens reißt das Stahlseil nach einiger Zeit an den Umlenkpunkten. Kein einziger Testschuh hatte beim TRAVERS einen Seilriss in der Entwicklungsphase.

 

  • Ski/Walk-Mechanismus: einfach, sicher, zuverlässig. Man kann selbst bestimmen, ob man in Aufstieg und Abfahrt sperrt – oder nicht. Die obere Schnalle unabhängig vom Ski/Walk zu schließen, hat den riesen Vorteil dem Fuß Stabilität zu geben, wenn sie z.B. bei harten Querungen, Traversen oder Kletterpassagen gebraucht wird.
  • Die Schnellverschlussschnalle mit breitem Klett (PhattMaxx) am Schaft: Stufenlos regulierbar, vor allem: keine Schnalle UND lästiges Verschlussband zusätzlich!

 

 

fischer-2017-008

    • volle Steigeisentauglichkeit
    • Sohlenlänge: 286mm bei 26,5! Kürzer, als die meisten Rennschuhe in der selben Größe. Daraus resultierend: wahnsinnig exaktes Gefühl beim Kraxeln.
    • Gamasche: flattert nicht durch die Gegend, ist richtig dimensioniert. Ein bereits am Markt erhältliches Modell wurde mit einer viel zu weit dimensionierten Gamasche konzipiert. Vor allem: 100% dicht, auch nach Stunden im Schnee (beim Schneeprofilerstellen) – bei den ersten Protos haben wir mit einem anderen Material gespielt, das nach einiger Zeit Wasser gelassen hat. Jetzt kann man stundenlang in einem Schneeprofilloch einsinken, die Füße bleiben trocken!
    • Nahezu unbegrenzte Schaftrotation. 80 Grad!somatec_ani

 

  • Original Dynafit Inserts. Keine Probleme mit Materialbeschaffenheit oder falsch dimensionierten Inserts.
  • SOMATEC: Seit Jahren fixer Bestandteil der Fischer Alpin- und Tourenschuhkollektion. Die Längsachse der Schale ist leicht verschoben zur Längsachse des darin stehenden Fußes (ca. 10°). Der natürliche Stand und Gang des Menschen ist nicht mit paralleler Fußhaltung sondern mit leicht nach außen geneigten Zehen und nach innen geneigten Fersen (V-Stellung). Ist der Schuh aber am Ski, liegen die Füße zwangsweise parallel zueinander. Ich persönlich hatte keine Probleme mit den
  • Gelenken durch Schuhe ohne SOMATEC. Nur bei extrem weiten Touren habe ich leicht beide Hüftgelenke gespürt, seit SOMATEC hat sich das gelegt. Anscheinend spürt es die Masse positiv an den Knien.

 

 

Der TRAVERS schaut durch die Pulleys fast wie ein alter Schalenbergschuh aus. Und die Verbindung ist gar nicht weit hergeholt. Die Entwicklung geht im Skitourenbereich ganz klar in diese Richtung: leicht, vielseitig, beweglich aber mit hoher Abfahrtsperformance.

Apropos Abfahrtsperformance: ganz neu ist die Verteilung der Carbon-Aramid-Faser: Wir haben uns entschlossen, eine Platte davon in der gesamten Sohle einzubauen. Warum? Will man einen Tourenschuh leichter konstruieren, geht dies in erster Linie über die Wandstärke des Kunststoffs (durch die Wandstärke ist der TRAVERS auch nicht mehr für das Fischer VACUUM-Verfahren geeignet, aber die Wandstärke liegt noch um einiges über der der Raceschuhe). Je dünner die Schale aber wird, desto eher lässt sie sich verbiegen, verdrücken, verwinden, wölben. Wer mit einem Nicht-Carbon Rennschuh schon mal versucht hat, einen schweren Ski zu leiten oder einen Rennski bei schwierigen Schneeverhältnissen „zu bändigen“ und etwas Gefühl für die Sache hat, merkt sofort, dass die aufgebrachte Kraft zuerst den Schuh verformt, bevor der Ski in die gewünschte Richtung einschlägt. Vor allem die Verwindung der Sohle macht dabei am meisten Probleme. Wer mit den aktuell erhältlichen Kunststoffrennschuhen unterwegs ist, kann ein Lied davon singen. Bei anderen +/- 1kg Produkten ist die Sohlenverwindung ebenfalls ein Problem, aber nicht ganz so stark spürbar. Außerdem ist ein Carbon oder Fiberglas-Schaft einiger dieser Modelle durch die extreme Steifigkeit sehr unangenehm in der Wade, sobald man leichte Rücklage bekommt. Der Flex der Schuhe mit solch extrem steifen Schäften kombiniert mit dem extrem dünnwandigen Kunststoff und keiner adäquaten Verschlussmethode zum Halt der Ferse (ob man die untere Schnalle von solchen Kandidaten schließt oder offen lässt, ändert sehr wenig bezüglich Fesenhalt, man schwimmt weiter bei der Abfahrt wie ein Boot darin umher) ist außerdem derart unausgewogen, dass ich mich nicht wohl fühle: der Schaft gibt kein bisschen nach, die Schale hingegen biegt sich in alle Richtungen. Der TRAVERS hat das steife Material in der Sohle – diese kann sich dadurch kaum mehr zwischen den Aufhängepunkten der LowTech-Bindungen verbiegen (beachte: die gesamte Sohle ist zwischen den Zapfeln vorne und hinten in der Luft!) und behält dafür den Kunststoffschaft mit ausgeglichenem Härteverhältnis. Außerdem sollte man nicht vergessen, dass die Kraftübertragung bei einem geübten Skifahrer über die Sohle stattfindet. Ein steifer Schaft nützt in erster Linie einem Rücklagenfahrer.

 

_V8A6131

Die zweite Art der Gewichtsreduktion funktioniert über das Aussparen von ganzen Bauteilen. Zweischnaller haben aber das riesengroße Problem des unzureichenden Fersenhalts. Der TRAVERS löst diese Problematik elegant mit dem BOA und den Pulleys.

Ich habe wegen der erstaunlich guten Performance auch alle Steilabfahrten im Frühjahr damit gemacht und sogar am Großglockner war das Schatzilein mit mir im Mai 2015 oben :-)

_P0Q5144

Was mir persönlich am meisten taugt: Der Schuh hat keine sinnlosen Spielereien oder krampfhaften Versuche zur „Verschlimmbesserung“. Das Gewichts-Performance Verhältnis ist der Wahnsinn, die Beweglichkeit ideal und außerdem hat er sich mittlerweile bei allen denkbaren Bedingungen zwischen Frühwinter-Steinskitouren, Hochwinter-Pulverträumen, Frühjahrs-Steilabfahrten und Frühsommer-„Trageskitouren“ bewährt und wurde so aufgrund der Bedürfnisse ambitionierter Skibergsteiger Schritt für Schritt veredelt  :-)

 

 

 

anfangs noch schlicht in schwarz
anfangs noch schlicht in schwarz

am Wkogl

 

Jamtal, Oktober
Jamtal, September/Oktober 2015
Jamtal
Jamtal

Für mich steht dadurch eines fest: Nach unzähligen Tagen und einigen hunderttausend Höhenmetern bei allen Bedingungen ist der Fischer TRAVERS ab Herbst 2016 der Speed-Touring Schuh mit der besten Passform und DIE neue Messlatte bezüglich Gewichts-Performance-Verhältnis. Vor allem: eine simple, rundum zuverlässige Waffe für richtige Skibergsteiger :-)

 

Share Button

2 Gedanken zu “Fischer TRAVERS Skitourenschuh | Review

  1. Servus Lukas,
    Danke für den Testbericht.
    Ich habe jetzt nach 2 Jahren von 4 verschiedenen Quellen gehört, dass die Schuhe relativ schnell verschleißen. Vor allem, die Sohle soll nicht viel halten.
    Was ist deine Erfahrung dazu?
    Nach wie vielen Touren wechselst du zu einem neuen Paar?
    Danke für deine Antwort!
    Liebe Grüße
    Philipp

    • Hallo Philipp,

      zur Sohle: Leider haben einige Händler die Vorserienmodelle (so ähnlich wie die letzten Prototypen), die lediglich zu ihrem persönlichen Zweck bestimmt waren, weiterverkauft, da sie bereits das selbe Design wie der letzte Schuh hatten. Das ist nicht angedacht, diese hatten eine andere Gummimischung in der Sohle. Die Sohle des fertigen Schuhs ist m.E. nach etwa gleich verschleißanfällig wie die aller Schuhe dieser Kategorie. Die Carbon-Aramid-Platte kann man mit vielen Gratbegehungen abkratzen, was eine normale Verschleißerscheinung dieses Materials darstellt und die Funktion de facto nicht beeinträchtigt.

      Ich habe einen Prototypen für mindestens 130.000 Höhenmeter verwendet. Der Verschleiß ist natürlich bei einem 1kg-Produkt wesentlich schneller sichtbar als bei einem schweren Skitourenschuh. Ein TRAVERS wird niemals gleich viel aushalten können wie ein TRANSALP VACUUM bzw. ein TLT6 wie ein Beast.
      Wer sehr viel unterwegs ist und v.a. auch alpine Unternehmungen mach, muss leichte Skitourenschuhe nach spätestens zwei Saisonen austauschen: Nicht zuletzt, weil die Drehgelenke vollkommen ausgeleiert sind.

      LG
      Lukas

Schreibe einen Kommentar

*