Sellrainer Berge Inside 12: Bekannte Lawinenhänge

Eine kleine Sammlung bekannter Lawinenhänge in den Sellrainer Bergen – inklusive Fallbeispiele der dortigen Unglücke. Was sie alle gemeinsam haben: Sie sind vielbegangen und gelten als „Standardtouren“.

Zischgeles!

Beginnen wir mit unserem bekanntesten Sorgenkind, dem Zischgeles:

Der Haupbereich wo am Zischgeles Lawinenunfälle passieren ist sehr steil bis extrem steil, Exposition Nord-Nordost, in einem Höhenband zwischen 2300m und 2800m. Der Schnee bleibt hier im Herbst – Foto im Herbst 2017 – liegen, wandelt sich häufig um und bildet die späteren Schwachschichten.

Ein sehr steiler, riesiger Nordhang zwischen 2300m und 2800m ist prädestiniert für Lawinenunfälle: Im Herbst oder Frühwinter bleiben die ersten Schneefälle liegen, diese wandeln sich häufig aufbauend um. Direkte Sonneneinstrahlung bekommt das Gelände über den Herbst, Früh- & Hochwinter praktisch gar keine ab. Es gibt mehrmals die Übergänge von schneereich zu schneearm (in schneearmen Bereichen löst man Lawinen tendentiell leichter aus, der schneereiche Bereich bricht allerdings nach der Auslösung oft mit).

Im Normalfall wird der Zischgeles während der Schwachschichtbildung im Herbst und Frühwinter kaum begangen. Die Schwachschichten können sich ungestört ausprägen. Es schneit folglich drauf, die Skitourengeher kommen in Scharen ob des wunderbaren Skigeländes des Berges. Diese zerpflügen allerdings nicht mehr die Schwachschicht sondern lediglich die nun vorhandene Schneeauflage. Diese Auflage verfestigt sich dadurch in den schneereichen Bereichen der üblichen Aufstiegsroute. Links und rechts davon fährt wegen dem wenigen Schnee und den Steinen noch keiner. Sobald es genug Schnee gibt, dass man auch neben der üblichen Route abfährt bzw. ist der Bereich in der üblichen Route zerfahren, sodann sucht man sich frische Pulverschwünge daneben & es werden wahrscheinlicher am Zischgeles vermehrt Schneebrettlawinen ausgelöst. Da die Schwachschicht aber großflächig vorhanden ist, bricht oft der ganze Hang mit – auch dort, wo mehr Schnee liegt und schon hunderte Personen vorher drübergefahren sind. In vielen Fällen konnte man sie direkt auf der Hauptroute allerdings nicht so leicht stören wegen der mächtigeren Schneeauflage, dem flacheren Gelände und der Verfestigung der Auflage durch andere Skisportler vorher. „Eher“, „tendentiell“, „vermehrt“ heißt nicht „immer“!

Die Situation muss sich nicht zwingend wie beschrieben entwickeln, aber entwickelt sich häufig ähnlich.

Die Unfallanalyse zum letzten tödlichen Unfall im Dezember 2012 am Zischgeles findet man hier.

 

Letzte tödliche Unfalllawine vom Dezember 2012. In rot die schneearmen, steilen Bereiche, wo Lawinen eher ausgelöst werden können.

 

wenig Schnee erleichtert die Lawinenauslösung durch PersonenDer Zischgeles durch das Kamplloch – ein schönes Beispiel für die tendentiell niedrigere Lawinengefahr bei größerer Schneemenge!

 

Zumindest bei einem Altschneeproblem laut Lawinenlagebericht im Höhenbereich 2300m bis 2800m schattseitig bleibt Lukas diesem Berg fern.

Damit die Liste möglichst nicht fortgeführt wird

 

Der Zischgeles war übrigens ursprünglich ein Skiberg für das Frühjahr, warum wohl?

 

Sulzkogel!

Daneben ist der Sulzkogel Gipfelhang ein Klassiker für Schneebrettlawinen mit Personenbeteiligung. Aber nur selten bei einem Altschneeproblem.

Durch die Südost-Exposition und die konkave, rinnenartige Form ist dieser kammnahe, sehr steile Hang bei Wind über Verfrachtungsstärke praktisch immer frisch eingeweht. Dazu kommt, dass die Westhänge auf der Hinterseite die ideale Angriffsfläche für alle Winde aus westlicher Richtung (also von Süd über West bis Nord) darstellen und der dort lagernde Schnee in den Skitourenhang verfrachtet wird.

 

Eine tödliche Unfalllawine am Sulzkogel 2005. Damals ein kombiniertes Triebschnee- & Altschneeproblem. Man erkennt sehr gut das meist kammnah abgehende Schneebrett mit Anriss, Stauchwall, Sturzbahn und Lawinenkegel.

 

 

 

Eine Analyse dieses Unfalls gibt es im folgenden Buch:

 

Auch bei allgemein niedriger Lawinengefahr gibt es am Sulzkogel besonders häufig frische, störanfällige Triebschneepakete.

Kleine Schneebrett am Sulzkogel Gipfelhang bei Lawinenwarnstufe 1 durch frischen Triebschnee

 

Den Sulzkogel anzuspuren erfordert intensive Überlegungen bezüglich lokaler Topographie und ihrer Auswirkung auf die Lawinensituation

 

Daneben ist der Sulzkogel-Gipfelhang durch die südostseitige Ausrichtung (durch die Höhenlage meist erst im späteren Frühjahr) prädestiniert für  Nassschneelawinen. Meist kleine Lawinen, die durch die extrem steilen Bereiche seitlich versetzt oberhalb des Skidepots spontan abgehen – ihre Opfer allerdings am Hangfuß zuschütten. Einem prominenten Opfer einer solch spontanen Nassschneelawine ist das größere der beiden Gipfelkreuze gewidmet. Er ist dort bei einer Frühsommerskitour Anfang Juni 1995 von der Lawine überrascht worden – trotz seiner Entscheidung am Hangfuß umzudrehen!

 

 

Pirchkogel / Hinterer Grieskogel!

Tödliche Unfalllawine vom 20.12.2014. Der untere Bereich der eingezeichneten Lawinenlaufbahn ist meist stark verspurt, weniger steil & gleichzeitig der übliche Aufstiegsbereich auf den Pirchkogel hinten. Die Lawine wird meistens im oberen, wesentlich steileren Bereich bei der Abfahrt mit Rausqueren (unverspurtes Gelände…) ausgelöst. Unterhalb der Laufbahn befindet sich ein kleiner See – eine Geländefalle.

 

Ebenfalls besonders unfallträchtig bei einem klassisches Altschneeproblem (das heißt wenn hauptsächlich Schattenhänge zwischen 2000m und 3000m vom Altschneeproblem betroffen sind) ist die Querung unterhalb des Hinteren Grieskogels im Zuge der Aufstiegsroute von Kühtai auf den Pirchkogel. Schon mehrere Menschen sind hier ums Leben gekommen. Unfallanalyse zu zum letzten tödlichen Unfall im Dezember 2014.

 

 

 

 

 

 

Lampsenspitze!

Auch auf der Lampsen gibt es eine Hand voll Hänge die bekannt für ihre Affinität zu Schneebrettlawinen beim Altschnee- & Triebschneeproblem sind: direkt neben der üblichen Aufstiegsspur. Das heißt natürlich nicht, dass direkt an der üblichen Route nicht auch Lawinen abgehen können!  Die Unfallanalyse zum letzten tödlichen Unfall  im Jänner 2013 ist hier zu finden.

Man erkennt die beiden Hänge, wo am Weg zur Lampsenspitze am häufigsten Schneebrettlawinen abbrechen. An der unteren gab es Im Jänner 2013 einen tödlichen Unfall – bei fast exakt dem selben Ausmaß des Schneebretts.

 

tödlicher Lawinenunfall Lampsenspitze 05.01.2013

 

Die obere der beiden klassischen Lampsen-Unfalllawinen, direkt an der Aufstiegsspur kurz unterhalb des üblichen Skidepots.

 

Zusammenfassung

An jedem Steilhang können Lawinen ausgelöst werden. Diese Zusammenstellung behandelt lediglich Touren, die mittlerweile als „normale“ und vielbegangene Skitouren gelten.

Zur Zischgeles-Lampsen-Problematik gibt es bereits einen tollen Beitrag im BergundSteigen, als PDF verfügbar.

Wir sehen: Ob wir eine Skitour häufig begehen oder selten und ob sie zu einer Standardtour geworden ist oder nicht, interessiert eine Lawine herzlich wenig. Was hilft ist das eigene Hirnschmalz in Verbindung mit dem Lawinenlagebericht. Und ein bisschen Glück.

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1 Gedanke zu “Sellrainer Berge Inside 12: Bekannte Lawinenhänge

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