Sellrainer Berge Inside 8: Gletscherspuren

 

Die Landschaft in den Alpen ist nicht nur von Bergstürzen geprägt. Zum heutigen Erscheinungsbild haben Gletscher ebenfalls massiv beigetragen. Einige Spuren weit oben am Berg stammen vom letzten Hochstand um 1850. Andere stammen aus der letzten Kaltzeit (Würm-Kaltzeit, im Volksmund bekannter als „die Eiszeit“) in der das Gletschermaximum vor etwa 20.000 Jahren erreicht wurde: Dabei haben sich die Gletscher unserer Gegend im Inntal vereint und ihre Zunge bis weit in das Alpenvorland hinausgeschoben. Die Berge schauten lediglich als sogenannte Nunatakker oberhalb von grob 2.500m aus dem Eis.

Wer übrigens näher  interessiert ist an Gletschern oder anderen geographischen Themen die ich in der Sellrainer Berge Serie besprochen habe, dem kann ich folgendes Buch empfehlen:

 

 

Gletscherrelikte könnte man in jedem noch so kleinen Seitental in kürzester Zeit zuhauf herausarbeiten: Von den ausgeschürften Karen bis zu alten Rundhöckern (= abgeschliffene Steine), verschiedenen Arten von Moränen, Findlingen, Gletscherseen und einigem mehr.

In dieser Abhandlung gibt es wieder nur einen kleinen Ausschnitt von Gletscherspuren in den Sellrainer Bergen die wir als Bergler leicht beobachten können:

Gletscherschliff, Sukzessionsstadien & Gletscherseen

Lüsener Ferner

Lüsener Ferner. Aria befindet sich auf Gletscherschliff des jüngsten Gletscherrückgangs (und auf einer Quarzader) an der orographisch rechten Zunge des Ferners.
In der Mauer von Lüsens Richtung Gletscher hinauf kann man mehrere hundert Höhenmeter Gletscherschliff begutachten. Im unteren Bereich sind die geschliffenen Steinplatten bereits wieder bewachsen, je weiter man nach oben kommt, desto weniger ist dies der Fall. Oberhalb des Gletscherendes des letzten Vorstoßes um 1850 (rot) gibt es noch praktisch keinen Bewuchs. Die zeitliche Serie der Wiederbesiedelung von Pflanzen am vom Gletscher freigegebenen Gelände nennt man „Sukzessionsstadien“. In Blau eine Seitenmoräne die von einem Vorstoß vor 1850 stammt, vermutlich aus einer anderen Kälteperiode im Mittelalter (Kleine Eiszeit)
typisches Gelände der Mauer
diese Steine hat der Lüsener Ferner weit mittransportiert, sie wie ein Fluss allmählich abgerundet und schließlich in der Mauer wenige Meter unterhalb der 1850er-Grenze liegen gelassen. Im Bereich der Steine wächst bereits Gras, hier liegt schon mehrere hundert Jahre kein Eis mehr und die Bodenbildung beginnt. Dahinter liegen noch die nackten Platten, dort haben erst wenige Polsterpflanzen eine Heimat gefunden. Diese sind schließlich erst 150 Jahre eisfrei.

 

Gletscherschliff der in den letzten 50 Jahren vom Lüsener Ferner in der Mauer freigegeben wurde. Man beachte die vereinzelt bereits vorhandenen Polsterpflanzen.

Finstertal

Ich stehe in diesem Bild auf einem Rundhöcker der vom fließenden Gletscher geformt wurde. Dahinter ein erst seit ca. 30 Jahren existenter Gletschersee im Gelände des mittlerweile fast vollständig verschwundenen Gamezkogelferners in Kühtai.

Kraspestal

Die Grenze zwischen grün und grau stellt großteils die Gletschergrenze des Kraspesferners im 19. Jahrhundert dar. Die Berge hinten sind die Rotgrubenspitze, der Zwieselbacher Rosskogel und die Weitkarspitze. Der Kraspessee in Bildmitte ist erst in den 1920er-Jahren entstanden.

 

Moränen

St. Sigmunder Kirche

 

die wohl bekannteste Moräne des Sellraintales beheimatet die St. Sigmunder Kirche. Hier sind vor tausenden von Jahren der Gletscher aus dem Kraspestal (in rot seine noch vorhandenen Seitenmoränen) und der Gletscher aus dem Gleirschtal zusammengeflossen (Moräne in blau). Die Moränen sind nur mehr teilweise durch Verbauung, Bewaldung und vor allem Erosion sichtbar. Bei einer Geländebegehung sind sie allerdings durch die steilen Hangkanten gut auszumachen.
blau: Kraspesferner, rot: Gleirscher Ferner
wer sich darunter nichts vorstellen kann: Hier ein rezentes Beispiel vom Konkordiaplatz am Großen Aletschgletscher in der Schweiz. Man sieht zwei Mittenmoränen durch den Zusammenfluss der drei Gletscher. Im roten Bereich passiert das gleiche wie bei unserer Kirchenmoräne.
in Grün die Seitenmoräne auf der orographisch linken Talseite nach dem Zusammenfluss der beiden Zungen. Seit Jahrhunderten ärgert man sich über die Steilheit der Moränen aufgrund der schwierigen Bearbeitung der inzwischen dort angelegten landwirtschaftlichen Flächen.

von rechts kam der Gletscher aus dem Kraspestal, von links aus dem Gleirschtal. In der Mitte der Hügel wurde mit Material vom Hangfuß des Mutenkogels gebildet.
Unsere schöne Heimat

 

Seitenmoränen des Lüsener Ferner im Kleinen Horntal

Vor allem bei Schnee sind beide Seitenmoränen gut sichtbar. Die Gletscherzunge endete um 1850 in etwa dort, wo die Moränen in die schluchtartige Einmündung übergehen bevor man die ersten Bäume darunter erkennt, auf ca. 2.300m. 1933 hat man für die ersten Alpenvereinskarten mehrere Endpunkte der Gletscher unserer Gegend trianguliert. Die Zunge des Lüsener Ferners endete damals auf exakt 2.433m (die Höhenkote steht noch in den heutigen AV-Karten) – das ist auf diesem Foto der linke Bildrand. Heute liegt das Ende ganz hinten im Becken des Lüsener Ferners (sichtbar am ersten Foto des Beitrags mit Hund auf Quarzader) auf etwa 2.760m.

die orogr. rechte Moräne ist bereits an ihrer Außenseite bewachsen.

 

Längentalferner

Seitenmoränen flankieren das Ende der Zunge in der Zeit um 1850
Im roten Bereich erkennt man links die Seiten- und Endmoränen des letzten Höchststandes. Rechts darunter sehen wir eine Endmoräne die bereits bewachsen ist und vermutlich von einem anderen Vorstoßzeitraum des Gletschers stammt.

Gleirscher Ferner

Grundmoräne des Gleirscher Ferners

 

Gesteinsfarbe

Mittertalferner

Die Gesteinsoberfläche wird durch die Verwitterung dunkler. Wo der Mittertalerferner an den Wänden von Wechnerwand und Wechnerkogel geklebt ist, sind diese heute heller.

Lüsener Ferner

Am Lüsener Ferner erkennt man die ehemalige Mächtigkeit des Gletschers nicht nur durch die Verwitterung sondern auch durch die Möglichkeit, dass das Gestein oberhalb des Gletschers bereits seit Jahrtausenden von Flechten bewachsen werden konnte und somit dunkler erscheint. In Bildmitte die Lüsener Spitze.

Blick über den Rotgratferner zum Fernerkogel
im heutigen orographisch rechten Gletscherbecken des Rotgratferners
Lüsener Ferner und Rotgratferner von der Rinnenspitze aus. Durch die Landkartenflechte erscheint der Fels oberhalb der ehemaligen Gletschergrenze grünlich.

 

die ehemalige Grenze ist sehr leicht zuordenbar.

 

 

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2 Gedanken zu “Sellrainer Berge Inside 8: Gletscherspuren

  1. Morgen Lukas. Wieder sehr interessant was du alles weißt :-D Tolle Fotos und Info! Aja und die Hosen zum Fliegen is ja scho fast kultig oder gibs de Marken no? :-D lg Holger

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