31.07.2017, Berliner Höhenweg

Grundlagen

Markus Kröll sei den Berliner Höhenweg, einen klassischen, alpinen Rundwanderweg von/nach Mayrhofen in den Zillertaler Alpen 2012 in 23 Stunden und 45 Minuten gelaufen. Er habe angeblich dabei 95,4km und 13.320 Höhenmeter zurückgelegt. Mit diesen Zahlen fesselte ServusTV die Szene und die „zivile“ Bevölkerung vor ein paar Jahren an den Fernseher. Eines war klar: lange wird’s nicht dauern bis das welche nachmachen.

Als wir im August 2015 den Stubaier Höhenweg (Bericht hier) am Stück zurückgelegt hatten, wusste ich auch, dass ich den Berliner mal probieren will. Vor fast genau einem Jahr hab ich’s dann probiert und wegen einem schmerzenden Knie-Außenband aufgegeben. Bericht hier. „Mein“ Markus, der mich damals zum Schluss begleitet hat, hat vermutet, dass die Lauferei auf den Flachstücken daran schuld war. Inzwischen gab es genug Zeit, das Ganze zu überdenken und ich bin die Runde nochmal mit einer Strategieänderung angegangen…

[UPDATE 16.08.2017:

Ein Südtiroler Ultra-Läufer hat den Berliner anscheinend in 18h 11′ zurückgelegt.]

 

Lukas‘ Begehung

Ich starte am 31.07. nach langem Herpassen auf einen zweitägigen, stabilen Wetterbericht. Dieses mal schlafe ich vorher 11 Stunden – Gott sei Lob und Dank für alljene, die immer und überall schlafen können – und es geht um 14 Uhr 22 in Mayrhofen am Parkplatz der Ahornbahn los in Richtung Finkenberg. Meinen Ausrüstungsplan habe ich nochmal überdacht, das Erste Hilfe Paket abgespeckt und statt einer Kamera nehme ich nur die GoPro mit. So konnte ich trotz der vielen Verpflegung das Rucksackgewicht auf 9kg reduzieren, zusätzlich zu meinen bisherigen Ultra-Touren habe ich drei Säckchen Mineralstoffmischung dabei.

Vorbei an Unmengen an perfekt reifen Moosbeeren und Himbeeren geht es auf die Gamshütte und stetig dahin Richtung Friesenberghaus. Zwischen Friesenberghaus und Olperer Hütte aktiviere ich die Stirnlampe und stehe bald vor dem Schlegeisspeicher am hintersten Punkt der Straße des Zillertals. Dort wartet ein Teil meiner Familie, sie werden später mein Auto von Mayrhofen mit nach Hause nehmen. Mein Vater begleitet mich mit dem Radl hinter den Schlegeisspeicher und zu Fuß bis zum Furtschaglhaus hinauf. Dem ewigen Flachstück am See entlang muss ich mich zwar zusammenreißen, nicht laufen anzufangen aber das geht besser als erwartet. Mittlerweile erfassen uns immer wieder lauwarme Luftpakete aus dem Talinneren. Der Föhn weht. Vorm Furtschaglhaus packe ich es allein weiter in Richtung Schönbichler Horn. Der Föhn nervt. Um 01 Uhr 33 bin ich am Gipfel, dem höchsten Punkt der Tour. Zwar ist es hier mitten in der Nacht nicht gerade gemütlich, das Hineingehen in die Nacht und Ankommen am Abend des nächsten Tages rentiert sich aber später tausendfach.

Flott komme ich beim hellen Licht meiner Lupine weiter zur Berliner Hütte und es geht wieder aufwärts zur Mörchenscharte. So oft wie dieses mal hab ich mich noch nie gefragt, warum ich mir sowas antue. Spätestens auf der Scharte aber sind die Bedenken wie weggewischt, es wird hell und ich kann die Stirnlampe wieder einpacken – gerade recht für den steilen und mit einer Leiter versehenen Abstieg in die Floite. Am Aufstieg zur Greizer Hütte kommen mir die ersten Wanderer entgegen und ich werde folgendermaßen angesprochen: „Du gehst heut aber schon früh die Ziegen hüten!“ – Ich konnte nur schmunzeln, was soll man da drauf sagen? Mit meinem Outfit habe ich für meine Begriffe jedenfalls definitiv nicht wie ein Goaßbua ausgeschaut.

Auf der Lapenscharte komme ich erstmals in die Sonne, fein. Weiter geht es über die ewig lange Talquerung im hinteren Stilluppgrund zur Kasseler Hütte. Das hat sich ungemein gezogen, vor allem wegen dem unguten Gletscherschliff mit unzähligen Wasserläufen drüber. Hier kommen mir einige Leute entgegen die mit dem Gelände massiv überfordert sind, deren Füße nicht dort hinsteigen wo sie sie gerne hätten. Bis zur Kasseler beschäftigt es mich intensiv, warum der Berliner immer so unterschätzt wird. Man hat teils wirklich blöde „Steige“ mit häufiger Absturzgefahr. Wundern braucht man sich jedenfalls nicht, dass es dort regelmäßig tödliche Abstürze gibt. Für Flachlandbewohner, die ein oder zwei mal im Jahr in die Berge fahren, halte ich ihn eigentlich für ungeeignet.

Wenn ich jetzt nicht Aussicht darauf hätte, dass meine Moidl beim Notbiwak nach der Kasseler Hütte wartet, dann wäre es motivationsbedingt echt zäh geworden. So habe ich den größten Lichtblick vor mir und ab etwa 12 Uhr 30 bin ich echt froh, das letzte Stück nicht mehr allein hinter mich bringen zu müssen, außerdem bekomme ich ein frisches Paar Laufschuhe. Stetig aber gemütlich kommen wir Kar für Kar und Felsblock für Felsblock dem Popbergnieder entgegen. Die Konzentration ist ziemlich hinüber aber die Müdigkeit an sich noch nicht besonders schlimm. Von der Edelhütte unterhalb des Nieders sind wir dann noch relativ schnell mit den letzten 1.600 Höhenmetern nach Mayrhofen hinunter. Im Wald wird es mit jedem Meter den wir runterkommen, noch heißer. Ich hab während des Höhenweges gar nicht gemerkt, wie heiß es die Tage im Tal wird. Um kurz vor 19 Uhr, nach 28 Stunden und 35 Minuten sind wir bei Moidls Auto bei der Ahornbahn in Mayrhofen zurück. Zwei Blasen am gleichen Zeh an beiden Füßen, müde aber muskulär und von den Gelenken uneingeschränkt – perfekt.

Autark war ich zwar nicht unterwegs (Klare Suppe am Schlegeisspeicher sowie Bananen und Zopf von Moidl unterwegs), allerdings wäre ich wohl auch mit meinen eigenen Vorräten auch durchgekommen (siehe weiter unten). In die Nacht hineinzugehen und das letzte Stück am Nachmittag/Abend hinter sich zu bringen war die perfekte Entscheidung. Man schläft vorher aus, bringt die Dunkelheit bei noch höher Konzentrationsfähigkeit hinter sich, bewegt sich am Ende in der Sonne und kommt noch im Hellen zurück.

Ich hatte meine Uhr wie gewohnt am Rucksack mit Akkupack hängen: Mit der höchsten GPS-Genauigkeit und einem Aufzeichnungsintervall von 10 Sekunden spuckt sie 6.890 Höhenmeter und 85,33km aus. Die Rohdaten sagen 7.030 Höhenmeter und 86,91km – allerdings hat die Uhr bei der Pause bei der Berliner Hüttte das GPS (unter einem Vordach auf der gepolsterten Bank gehockt) verloren und einige unkoordinierte Punkte weit um die Hütte gesetzt – die sind aus den bereinigten Daten rausgenommen. Wenn man die Runde in Routenplaner eingibt, kommt man ebenfalls immer auf 85km. Da die ServusTV-Angaben angeblich professionell vermessen sind und vermutlich hier einfach 10km dazugerechnet wurden, damit’s wilder klingt, kann man wirklich von 85km und ca. 6.500 bis 7.000 Höhenmetern ausgehen. Die 13.320 Höhenmeter die im Film postuliert werden, sind doppelt gerechnet. Höhenmeter gibt man üblicherweise nur im Aufstieg an, da es im Abstieg im Normalfall gleich viele sind bzw. gibt man sie nur dann an, wenn sie sich massiv unterscheiden. Übrigens: Die Absolut-Höhe eines Berges, einer Hütte o.ä. gibt man immer mit „x m Seehöhe“ oder „x m“ oder „x m über dem Meer“ an, niemals mit „x Höhenmeter“ – im Deutschen wird der Begriff „Höhenmeter“ nur für „Meter an vertikalem Höhenunterschied zwischen zwei Punkten“ verwendet.

Nachdem der Outdooractive Routenplaner der angenehmste für meinen Geschmack ist und mittlerweile hohe Bekanntheit genießt, noch eine interessante Hintergrundinfo: Plant man die Route online, spuckt er 85km und 8.798hm aus. Liest man das GPX-File der Uhr ein, spuckt er gleich viele km aber 6.933hm aus, bei fast exakt der gleichen Strecke. Das habe ich bereits öfter und auch bei verschiedenen Planern beobachtet. Die Uhr rechnet die Höhe direkt aus den Satellitendaten raus und ist dementsprechend um ein Vielfaches genauer bzw. teils wirklich punktgenau, sofern sie genug Satelliten empfängt. Also: Glaube niemals den Höhenmetern, die ein digitaler Routenplaner ausgibt.

Meine Durchgangszeiten sind als PDF hier zu finden

Das GPX-File mit dem Fehler bei der Berliner Hütte hier

Das bereinigte GPX-File hier

Als kml-File (für Google Earth) hier

Start in Mayrhofen, Blick gegen Finkenberg und Bereich erste Hütte links oben = Gamshütte
zurück nach Mayrhofen geschaut, links Finkenberg
Ich hab grad und grad durchgepasst
Gamshütte, Blick in den Floitengrund und zur Greizer Hütte, wo ich etwa 15 Stunden später vorbeikomme
Floite und Gunggl, unten Ginzling
unterwegs zwischen Gamshütte und Friesenberghaus, Blick talauswärts
im Alltag am Berg denkt man drüber gar nicht nach – beim Berliner allerdings zehren solche Abschnitte mit der Zeit stark an der Konzentrationsfähigkeit
Bereich Friesenberghaus, Blick zum Schlegeisspeicher
knapp, dass es in meinem Gebiet nicht gewettert hat. Vorm Dunkelwerden unterwegs zur Olperer Hütte

 

nächstes Foto erst wieder Stunden später am föhngeplagten Schönbichler Horn um 01 Uhr 33. Mit 3134m der höchste Punkt der Tour und hochinteressant durch die Gesteinswechsel im Aufstieg vom Furtschaglhaus bzw. im Abstieg zur Berliner Hütte. Infos zum Tauernfenster hier. 
das Foto stammt vom Bereich des Schönbichler Horns vom Begehungsversuch im letzten Jahr. Heuer in der Dunkelheit nicht erspäht…
erst im Morgengrauen auf der Mörchenscharte bringt man aus einer GoPro wieder Bilder raus. Nächster Übergang: Lapenscharte = der markante Einschnitt links
Greizer Hütte am Morgen
unterwegs zur Lapenscharte. Blick zurück zur Mörchenscharte
ewige Talquerung zur Kasseler Hütte am Bild links.
weiter geht’s über mehrere Blockwerk-Kare Richtung Edelhütte
mit einigen Pausen an den Kar-Übergängen
Trittsicherheit zwar zu diesem Zeitpunkt kaum mehr vorhanden aber irgendwie kommt man über die Blockhalden dann auch noch drüber. Moidl zeigt den letzten Aufstieg zum Popbergnieder ganz links. Dahinter geht’s nur mehr abwärts, lang abwärts.
am Popbergnieder kurz vor der letzten Hütte = Edelhütte, Blick hinunter nach Mayrhofen
Blick zurück in den Stilluppgrund. Kasseler Hütte links hinten, Lapenscharte rechts hinten. Markant rechts oberhalb des Talendes = Großer Löffler
Übersichtskarte bei der Edelhütte
die letzten 1.800hm Abstieg nach Mayrhofen zurück großteils im Wald
Mit Aussicht af a gewaltigs Sippl kunn ma lei lachen…
:-)

Hintergründe

Pulsmesser hab ich mitgenommen. Die Uhr ist durchgelaufen. Anstiege, Abstiege, Pausen – alles zusammen ergibt einen Durchschnitt von 132 Schlägen pro Minute. Gesamt ca. 226.000 Herzschläge.

Material am bzw. im Rucksack nachher fotografiert: Petzl-Steigeisentaschl wurde zu meinem EH-Paket umgewandelt. Riegel hab ich nur ein Viertel gegessen, Nussstrudel den halben – aber alle drei Mineralstoffdrinks verwendet. Alles andere an Verpflegung die ganze Strecke mitgetragen, schmecken jetzt um so besser bei der Arbeit am PC. Die Uhr ist hinten am Rucksack gehängt und war mit dem Kabel zum weißen Akku verbunden, damit ich die gesamte Strecke lückenlos mit GPS aufzeichnen konnte. Ein Höhenprofil ist das Um & Auf für die Motivation unterwegs. Danke Benni dafür.

 

 

Der Erste

Inzwischen habe ich von mehreren Zillertalern unabhängig voneinander gehört, dass Markus das letzte Stück bis nach Mayrhofen aufgrund des Unwetters mit dem Auto runter ist. Obendorfer Richi hat es bereits bei seiner Begehung in den Raum geworfen, dass es zeitlich wie im ServusTV-Film angegeben mit 1h 25′, unmöglich erscheint nach dieser Strecke noch 1.600hm nach Mayrhofen abzusteigen, und das bei Starkregen. Was wahr ist, weiß man nicht…

Es geht nicht darum, jemanden schlecht zu reden und besonders einen sympathischen Einheimischen mit dieser körperlichen Konstitution wie Markus nicht. Er liebt seine Heimat zweifelsohne, weiß sie zu schätzen und denkt weiter als der heutige, sportliche Mainstream.

Heutzutage ist es sowieso die Idee und deren Planung, die jemanden auszeichnet – die Leistung an sich nur das Tüpfelchen am I. Denn die körperlichen und/oder technischen Voraussetzungen erfüllen in unserer Freizeitgesellschaft relativ viele, die psychologischen Vorraussetzungen dafür bringen schon etwas weniger mit. Gute, neue, kreative Ideen haben ausgesprochen wenige & deren Umsetzung streben noch weniger an. Sie dann tatsächlich anzugehen – das machen nur Einzelne. Markus gehört dazu. Er hatte die Idee für den „Berliner Höhenweg in einem Zug“ und hat aus der Idee ein Projekt entwickelt. Er hat uns Nachahmer-Deppen, die ebenfalls durch eine spezielle Form des Masochismus ausgezeichnet sind, ein oberlässiges To-do geliefert. Ohne Unwetter und Druck bezüglich der 24 Stunden (den es aus Marketinggründen für mich zweifelsfrei gab, obwohl es in Interviews – natürlich – anders dargestellt wird) hätte er es genau so geschafft. Er ist auch besser beinand als ich oder andere, die den Berliner mittlerweile am Stück gemacht haben. Das Ganze hat so halt besser in die Märchenwelt gepasst, deren Tor von zwei roten Stieren bewacht wird…

In diesem Sinne: Danke Markus für den Floh, den du vielen mittlerweile in den Kopf gesetzt hast und Gratulation zu deiner Leistung! Sowie an Richi zur ersten, vollständigen & praktisch autarken Begehung im Sommer 2013!

Zwischen zehn und 20 Leute dürften’s mittlerweile schon sein, die ihn in einem Zug gemacht haben, die schnellste Zeit liegt dabei anscheinend schon unter 23 Stunden. Ich vermute, dass ich mit meinen 28h 35′ der langsamste davon war.

 

 

In Relation

Um die ganze Aktion ohnehin zu relativieren: Beim Hard Rock 100 legt man 100 Meilen, also 160km, mit knapp über 10.000 Höhenmetern in Aufstieg und Abstieg zurück. Man hält sich dabei oft über 3.000m auf und kommt sogar 13 mal auf Jöchern & Übergängen auf eine Höhe von über 3.700m! Die beste Zeit stammt von Kilian Jornet aus dem Jahre 2014 und beträgt 22 Stunden und 41 Minuten. Bei der heurigen Auflage hat Kilian zwar über 24 Stunden gebraucht, hatte aber aufgrund einer Verletzung einen Arm mit einem Dreiecktuch den Großteil der Strecke am Hals hängen…

 

 

Bleibt im Gedächtnis

1.) Entnommen aus der Ergebnisliste des Hard Rock 100. Passt gut zu solchen Aktionen, weil es abschnittsweise immer wieder zäh ist:

A problem worthy of attack
proves its worth by biting back.

 

2.) Social Media und dergleichen probiert immer und immer wieder den Menschen als von Natur prädestinierten Läufer darzustellen. Für mich ist die Vorstellung leider falsch, weil ich jetzt – zwei Tage nach meiner Begehung – wieder fit bin, mir nichts weh tut, nichts zwickt. Warum? Ganz einfach: Weil ich nicht gelaufen bin.

 

Notare:

Der Mensch ist zum Gehen gemacht – nicht zum Laufen.

 

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5 Gedanken zu „31.07.2017, Berliner Höhenweg

  1. Servus Goasenluggi!
    Also Respekt vor deiner Gewaltsleistung, da bleibt einem die Spucke weg. Wie ma so was ohne muskulären Einbußen hinter sich bringen kann, keine Ahnung :-D Da könnten zehn Bunnies irgendwo warten des wär ma volle wurscht :-)))
    Hut ab!

    lg Holger

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