Schneeprofil lesen & interpretieren

Schneeprofile zu lesen ist keine Hexerei, sie zu interpretieren erfordert viel Wissen und ein hohes Maß an Erfahrung. In diesem Eintrag beschäftigen wir uns anhand eines Beispiels mit den Grundlagen von Schneeprofilgrafiken und deren Interpretation.

Bevor man sich mit Schneeprofilen beschäftigt, sollte allerdings einiges aus der Fachsprache von Schnee und Lawinen sitzen. Am besten lernt man das aus einem Buch. Nachfolgend einige von hoher Qualität:

Die einzelnen Parameter erklärt:

schneeprofil erklärung

Die für ein Schneeprofil relevanten Kornformen:

 

Kornform Typische Größe Typische Härte im trockenen Zustand, ohne Mischung mit anderen Kornformen

1 = Faust

2 = Vier Finger

3 = Ein Finger

4 = Bleistift

5 = Messer

Neuschnee, (u.a. Dendriten) 1 – 3mm 1
Filz, filzige Kristalle 1 – 2mm max. 2, normalerweise weicher
Graupel > 1mm max. 2
Rundkörnig, Kleine Runde (Endprodukt abbauende Umwandlung) < 0,5mm mind. 2 – 3, max. 4 – 5
Kantig, Kantigkörnige Kristalle (beginnende und fortgeschrittene aufbauende Umwandlung) > 0,5mm max. 2 – 3, normal weicher
Tiefenreif, Becherkristalle, Hohlformen, Schwimmschnee (Endprodukt aufbauende Umwandlung) > 2mm 1 oder 1-2, selten 2
Oberflächenreif (Deposition von Feuchtigkeit aus der Luft auf der Schneeoberfläche) > 1mm, meist größer 1
Schmelzform (nicht gefrorene Schmelzformen, genau 0°C, feucht!, Schmelzen) > 0,5mm je nach Durchfeuchtungsgrad, max. 3 – 4, meist sehr weich
Schmelzkruste (gefrorene Schmelzformen, trocken!, schmelzen & wieder gefrieren) > 0,5mm je nach Stärke des vorangegangenen Schmelzprozess, sehr oft gekoppelt an die Korngröße

mind. 3, max. 5 – 6

Bei Auflösung durch aufbauende Umwandlung weicher.

Eislamelle Keine Kornformen mehr erkennbar, reines Eis Reines Eis ist nicht mehr mit einem Messer durchdringbar: Härte 6, im Gelände bei üblicherweise sehr dünnen Eislamellen ist die Härte nicht „messbar“.

Übersetzung des Profils in Sprache:

Beim Schneeprofil „Lampsenspitze, Koglalm“ vom 18. Jänner 2016 weist die Schneedecke eine Höhe von 65cm auf, aufgeteilt auf acht Schichten, die mittels Handprofil (= ohne Zuhilfenahme von Rammsonde oder anderen Geräten) herausgearbeitet wurden.

Von 65cm bis 53cm Höhe liegt Neuschnee, der bereits leicht abbauend umgewandelt ist. Die Verästelungen der Neuschneekristalle brechen dabei ab, bekannt als „filziger Schnee“. Diese Schicht besitzt Härte 1, das heißt, sie ist mit der Faust mit mäßiger Krafteinwirkung durchdringbar. Sie besitzt Feuchte 1, ist also trocken. Die Kristalle sind 1,5 bis 2mm groß.

Von 53cm bis 35cm Höhe befindet sich rundkörniger Schnee, der bereits fortschreitend abbauend umgewandelt ist. Es kann sich dabei um Triebschnee handeln, bei dem der Wind die Neuschneekristalle zerstört hat und so die abbauende Umwandlung beschleunigt hat oder um ehemaligen Neuschnee, der schon einige Zeit hatte um sich vom Neuschneekristall über den Filz zum Rundkorn zu verwandeln. Die Schicht besitzt Härte 3, das heißt, sie ist mit einem Finger mit mäßiger Krafteinwirkung noch durchdringbar. Sie besitzt Feuchte 1, ist also trocken. Die Kristalle sind um einen halben Millimeter groß. An der Schichtgrenze zum Neuschnee bei 53cm gibt es vier berechnete Nieten.

Von 53cm bis 35cm Höhe befindet sich rundkörniger Schnee, der bereits fortschreitend abbauend umgewandelt ist. Es kann sich dabei um Triebschnee handeln, bei dem der Wind die Neuschneekristalle zerstört hat und so die abbauende Umwandlung beschleunigt hat oder um ehemaligen Neuschnee, der schon einige Zeit hatte um sich vom Neuschneekristall über den Filz zum Rundkorn abgebaut hat. Die Schicht besitzt Härte 3, das heißt, sie ist mit einem Finger mit mäßiger Krafteinwirkung noch durchdringbar. Sie besitzt Feuchte 1, ist also trocken. Die Kristalle sind um einen halben Millimeter groß. An der Schichtgrenze zum Neuschnee bei 53cm gibt es vier berechnete Nieten.

Von 35cm bis 18cm befindet sich ebenfalls rundkörniger Schnee, der hingegen dabei ist, sich aufbauend umzuwandeln. Er ist schon minimal größer als die Rundkörner der darüber liegenden Schicht (genau 0,5mm oder leicht größer, fast kein Korn ist mehr kleiner als 0,5mm im Gegensatz zur drüberliegenden Schicht) und vermutlich auch schon leicht glasig, nicht mehr matt wie rein rundkörniger Schnee. Die Rundkörnigen wandeln sich zu Kantigkörnigen um. Die Schicht besitzt Härte zwei bis drei, ist also mit Vier Fingern nur mehr schwer durchdringbar, mit einem Finger hingegen sehr leicht durchdringbar. Sie hat Feuchtegrad 1, ist trocken. An der Schichtgrenze bei 35cm gibt es eine Niete (automatisch berechnet nach Unterschiede in Korngröße, Härte, Kornform zwischen den beiden Schichten).

Von 18cm bis 12cm Höhe lagert kantigkörniger Schnee mit einem Durchmesser von 0,5 bis 1mm. Hier haben die Kristalle als Auswirkung der aufbauenden Umwandlung bereits klar ersichtliche Ecken und Kanten, sind klar glasig, nicht mehr matt-weiß, dadurch ist die Schicht von den darüberliegenden durch den „Farbsprung“ von matt bzw. leicht glasig zu stark glasig sehr gut mit freiem Auge unterscheidbar. Die Schicht ist ebenfalls trocken. An der Grenze bei 18cm gibt es drei Nieten.

 

Von 12cm bis 11cm Höhe befindet sich eine dünne Schmelzkruste, die bereits von unten her stark „zerfressen“ ist. Das heißt, an ihrer Unterseite kristallisiert freier Wasserdampf an (der übrigens immer in der Schneedecke vorhanden ist, der Prozess heißt Deposition). Beim Übergang vom Dampf zur festen Form bildet sich Schwimmschnee an der Unterseite der Schmelzkruste. Deswegen befindet sich in der Brillenform auf der linken Seite ein Kreis = Schmelzform stellvertretend für die Schmelzkörner in der Kruste, auf der rechten ein aufgestelltes V = Tiefenreif, Schwimmschnee, Symbol für die Kristalle, die sich direkt an der Kruste bilden. Die Kristalle der Kruste (egal ob der bereits aufgebaute Teil oder die Schmelzkörner) sind 1,5 bis 2,5mm groß. Die Schicht besitzt Härte 3 und vier Nieten am Übergang bei 12cm.

Von 11cm bis 8cm befindet sich Schwimmschnee: Aufgeteilt auf Hohlformen (umgedrehtes V, bereits dreidimensional gebaut) und kantige Formen (noch planare Plättchen, keine erkennbare dreidimensionale Struktur). Die Kristalle weisen eine Größe von 2 bis 3mm auf, sind trocken und die Schicht ist leicht mit der Faust durchdringbar. Sie rieselt einem bei minimaler Berührung vermutlich schon entgegen. An der Grenze bei 11cm gibt es fünf Nieten.

Von 8cm bis 6cm befindet sich wieder eine Schmelzkruste, die ebenfalls von der aufbauenden Umwandlung „betroffen“ ist. Die Kristalle sind etwas größer als in der darüberliegende Kruste und sie ist noch härter, möglicherweise weil der Schmelzkornanteil noch höher ist als der Schwimmschneeanteil oder weil die Schmelzkörner durch öfteres Auftauen und Wiedergefrieren eine härtere Kruste mit größeren „Schmelzklumpen“ gebildet haben.

Von 6cm bis zum Boden befindet sich wieder Schwimmschnee, der nur mehr aus Hohlformen und Becherkristallen besteht. Fast alle Kristalle weisen eine dreidimensionale Struktur auf, deswegen wurde nur mehr das umgedrehte V als Kornform vergeben. Sie sind 3 – 4mm groß und die Schicht ist mit der Faust leicht durchdringbar.

 

Die Lufttemperatur beträgt während der Aufnahme im Schatten -18,3°C. Die Schneetemperatur auf ca. 60cm Höhe -18,2°C, auf 35cm -9,5°C, auf 3cm Höhe -1,5°C. Die Verbindungslinie zwischen den gemessenen Werten stellt den Temperaturgradient dar, je flacher die Linie, desto stärker der Gradient.

Als Stabilitätstest wurde ein ECT (Extended Column Test, Erweiterter Säulentest) durchgeführt, die Hangneigung am Profilstandort beträgt 29°. Das Ergebnis war ein Bruch durch den ganzen Block (ECTP) beim 11. Schlag (ECTP11) an der Schichtgrenze bei 18cm (ECTP11@18cm). Die Bruchfläche war glatt und regelmäßig.

 

Interpretation:

Am Standort liegt soviel Schnee, dass man bei der inneralpinen Vegetation (Alpenrosen) und vermuteten Oberflächenbeschaffenheit von Gebirgen mit silikatischem Ausgangsgestein (oft Blockhalden) auf 2170m grad genug Schnee für eine Skitour ohne Steinski hat. Es gab kurz vor der Profilerstellung Neuschnee. Der erste Teil davon ist womöglich unter stärkerem Windeinfluss gefallen. Es gibt zwei Krusten, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf Frühwinterschneefälle mit anschließenden Wärme- oder Schönwetterperioden zurückzuführen sind. Wenn man den Wetterablauf für das Gebiet genau im Kopf hat, kann man Rückschlüsse ziehen: In diesem Fall stammt der Schnee vom Boden bis 8cm Höhe von Mitte Oktober, die Kruste hat sich in der warmen Periode Ende Oktober, Anfang November gebildet. Von 12cm bis 8cm liegt der Schnee von den Schneefällen Ende November. Die Kruste darauf stammt vom Schönwetter im gesamten Dezember 2015. Der Schnee oberhalb von 12cm stammt von den Schneefällen seit der Silvesternacht 2015. Oberhalb von 12cm beginnt sich dieser Schnee, der im Jänner 2016 gefallen ist, aufbauend umzuwandeln. Der Prozess der aufbauenden Umwandlung ist eine Folge des momentan sehr starken Temperaturgradienten innerhalb der Schneedecke: Auf den ca. 60cm herrscht derzeit ein Temperaturunterschied von ca. 18°C!

Die theoretisch möglichen Problembereiche liegen an den Schichtgrenzen bei 18cm, 11cm und 6cm – sie basieren alle auf einem „Altschneeproblem“ (die Lawinenprobleme, die man mit einem Profil erfassen kann: Altschneeproblem – mit dem Schichtprofil anhand aufbauend umgewandelter Schichten die von härteren Schichten, dem sogenannten „Schneebrett“, überlagert sind, Triebschnee – mit einem Stabilitätstest, Nassschnee – vor allem mit der Schneetemperatur, Gleitschneeprobleme sind mit Schneeprofilen praktisch nicht erfassen, nur durch die Feuchte der Schicht am Boden und die Fischmäuler kann man einen bevorstehenden Gleitprozess wage vermuten). Ob man an einer dieser Schichtgrenzen – oder auch an einer anderen, mit der man nicht rechnet – einen Bruch induzieren kann und vor allem, ob sich dieser fortpflanzt (grundlegend für eine Schneebrettlawine), analysiert man mit Hilfe eines Stabilitätstests (meistens: Schneesäule freilegen, draufklopfen). Mögliche Problembereiche oder Schwachschichten können vorhanden sein, aber nur bei extremen Zusatzbelastungen brechen bzw. keine Bruchfortpflanzung (mehr) aufweisen und dadurch für den Wintersportler irrelevant sein. Deswegen ist der Stabilitätstest das Wichtigste der gesamten Profilerstellung:

Beim ECT (= Extended Column Test) konnten wir hier bei wenig Zusatzbelastung (11. Schlag) einen glatten Bruch durch den ganzen Block (Bruchfortpflanzung) verursachen. In Verbindung mit den Zusatzbemerkungen („Setzer und Rissbildungen“) können wir an diesem Standort zu diesem Zeitpunkt von einer störanfälligen Schneedecke aufgrund der aufgebauten Schichten in Bodennähe ausgehen. Wenn man sich regelmäßig im Laufe eines Winters damit beschäftigt, ordnet man diesen kleinen Baustein (ein einziges Profil sagt sehr wenig aus!) in Verbindung mit dem Lagebericht (nicht mit der Gefahrenstufe sondern mit dem Absatz „Schneedeckenaufbau“), bereits gegrabenen Profilen und Prozessdenken (Wann? Wo? Warum? Wo noch?) ein und schärft sein Bild über die derzeitige Situation: die Verbreitung der vorhandenen Probleme, deren Abgrenzung nach Höhenbereich und Exposition bzw. macht sich Gedanken über zukünftige, möglicherweise sich erst herausbildende Probleme.

Nähere Informationen zur Aufnahme eines Profils im Gelände findet man in folgendem Beitrag im BergundSteigen 4/2011

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6 Gedanken zu “Schneeprofil lesen & interpretieren

  1. Hallo, super Beitrag vielen Herzlichen Dank !
    Eine Frage noch für einen Laie: Was bedeutet die automatisch berechnete NIETE genau. Darunter kann ich mir nichts vorstellen. Wäre sehr dankbar für eine Rückmeldung.

    Lg.

  2. Danke für diese ausführlichere und praxisorientierte Einführung zum Thema Schneedeckenuntersuchung. Das hilft mir aktuell, da ich anfange den Schneedeckenaufbau punktuell zu erforschen: Suchen von Härteübergängen und reibungsarmen Schichten, Nietentest, Säulentests. Um die gewonnenen zusätlichen Informationen in die Gesamterkenntnisse über Schneedeckenentwicklung und Gefahrenpotenziale zu integrieren.

  3. Sehr schön! Wichtig – und wird leider heute nicht so oft mehr an „Leihen“ gelehrt – weil angeblich zu kompliziert. Finde ich nicht. Jeder kann es lernen. Danke dass Du es hier, wenn auch in kurzer Form, deine Leser zur Verfügung stellst.

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